Eine Anmerkung vorweg:
Es ist schon eine Weile her, dass ich dieses Kapitel verfasst habe. Und wenn ich
damals noch behauptet habe, dass man die u.g. Aufgaben mit Atari-Programmen genauso gut
erledigen kann wie auf anderen Systemen, so muss ich diese Behauptung mittlerweile leider
zumindest teilweise zurücknehmen.
Beim Surfen im Internet muss man heutzutage doch schon mit erheblichen
Einschränkungen leben, wenn man dafür Atari-Software verwendet.
Für meine eMails benutze ich seit geraumer Zeit auch einen Mac-Client (obwohl ich
hier zugeben muss, dass es noch aktuelle Atari-Mailer gibt, die ich nie ausprobiert habe).
Was macht man eigentlich so die ganze Zeit am heimischen Computer? Man schreibt
Briefe, wissenschaftliche Arbeiten oder Bücher; man zeichnet Grafiken; verwaltet
seine CD-, Video- oder Bierdeckelsammlung; führt Buch über private Ein- und
Ausgaben; man surft durchs Internet, verschickt und empfängt eMails und erstellt
seine eigenen Homepage; und gelegentlich gestaltet man eine Einladung oder
Glückwunschkarte.
Und alles das kann man mit Atari-Software genauso gut machen wie mit Windows- oder
Mac-Programmen. Manchmal sogar besser. Denn Atari-Programme sind meistens nicht so
umfangreich wie die der großen Konkurrenten -- und das ist kein Nachteil! Denn in
einem kleinen, handlichen Programm findet man sich schnell zurecht. Sogar dann noch, wenn
man mal längere Zeit nicht damit gearbeitet hat. Ein kleines Programm belegt nicht so
viel Platz auf der Festplatte, begnügt sich mit wenig RAM und Rechenzeit: Man ist
nicht ständig gezwungen, den Computer aufzurüsten, damit die neue Version auch
noch in vernünftiger Geschwindigkeit läuft. Ein kleines Programm bietet trotzdem
fast immer alle Funktionen, die der Privatanwender so braucht und versteckt die gesuchte
Funktion nicht unter einem Haufen von Möglichkeiten, die man sowieso nie benutzt.
Atari-Software kommt vergleichsweise oft aus Deutschland, erstellt von fleissigen
Sharewareautoren oder mittelständischen Firmen mit wenigen Mitarbeitern. Das
bedeutet: Die Leute sind erreichbar. Man braucht nicht einmal seine Englischkenntnisse aus
der Schule hervorzugraben, nur um mal eben einen kleinen Verbesserungsvorschlag zu
unterbreiten. Oft bekommt man sogar eine persönliche Reaktion auf derartige
Vorschläge! Wenn man ein Sharewareprogramm bezahlen möchte, muss man sich keine
Gedanken darüber machen, ob man sich nun eine Kreditkarte zulegt oder ob man eine
Dollarnote in einen Briefumschlag stecken möchte -- man überweist das Geld auf
das Konto des Autors oder schickt ihm einen Verrechnungsscheck. Meistens bekommt man
innerhalb kürzester Zeit dann auch den Registrationscode.
Wenn man die Hotline einer Atari-Softwarefirma kontaktiert, sitzt man am anderen Ende
kein überlasteter Mitarbeiter eines Call-Centers, sondern ein Mitarbeiter der Firma,
nicht selten sogar einer der Programmautoren.
Manchmal ist Atari-Software sogar schlichtweg genial! Der Desktop jinnee ist
der beste seiner Art auf allen Systemen.
- Für Mac-User: Der Desktop ist so etwas wie der Finder. jinnee ist allerdings
besser.
- Für Windows-User: Der Desktop ist so etwas wie eine Symbiose aus
Windows-Schreibtisch und Windows-Explorer (vorm. Programm-Manager und Datei-Manager).
jinnee ist allerdings besser.
- Für Amiga-User: Der Desktop ist so etwas wie ... ääääh,
nennt Ihr das immer noch die Workbench? Egal, jinnee ist sowieso besser.
- Für Linux-User: Ich weiß nicht, wie Eure Betriebssystem-Oberfläche
heißt und wie die so ist. Aber ich bin sicher: jinnee ist besser.
- Für ehemalige Atarianer: Ihr wisst, was der Desktop ist. Vergesst aber mal das,
was Ihr früher auf Eurem 1040 STFM gesehen habt. jinnee ist um Längen besser.
Das beste daran ist: jinnee ist das Werk eines einzigen Programmierers. Wenn ich mir
dagegen die jeweiligen Pendants unter Windows und MacOS anschaue; wenn ich mir vorstelle,
dass das die Produkte jahrelanger Arbeit ganzer Teams von Programmierern sind, kann ich
nur zu dem Schluss kommen, dass die sich die meiste Zeit an den Füßen gespielt
haben. Das ist ungefähr so, als würde Bayern München gegen Rot-Weiss Essen
spielen und 0:8 verlieren!
Und wer noch nie mit einer Dateiauswahl (auch: Fileselector,
Öffnen-/Sichern-Dialog usw.) wie Freedom oder BoxKite gearbeitet hat,
kann sich vermutlich gar nicht vorstellen, wie groß die Arbeitserleichterung selbst
bei so simplen Dingen wie dem Öffnen und Sichern von Dateien sein kann.
Atari-Software ist auch günstig zu erwerben... Ach so, stimmt: Das ist kein
Argument. Ihr habt Euer MS Office ja sowieso alle raubkopiert. Naja, dann kann ich
immerhin sagen, dass ich ein reines Gewissen habe, ohne dabei arm geworden zu sein.
Ach, und fast hätte ich es vergessen: Natürlich gibt es heutzutage weniger
Atari-Programme als früher; aber es gibt immer nur genug Programme, die immer noch
weiterentwickelt werden. So gut wie alle Programme, mit denen ich arbeite, liegen
mir in relativ aktuellen Versionen vor.
Aber PCler und Macianer finden natürlich immer etwas zu meckern, z.B. kommen so
Sprüche wie die folgenden:
»Aber ausser Arbeiten spiel ich auch mal gerne am Computer.«
Na gut -- einstmals als Spielecomputer belächelt, können Ataris in diesem
Bereich nicht mehr mithalten. Aber wisst Ihr was? Es stört mich nicht. Ich habe zwar
einen Mac ( Tobias' tolle Atari-Systeme), aber mit dem spiele ich nicht einmal. Dafür habe ich eine
Playstation und muss meine Festplatte auch nicht mit hunderten von Megabytes
zumüllen, um mir mal ein neues Spiel anzuschauen.
»Bei meinen Programmen sind immer zweihundertausend Clip-Arts und
fünfeinhalb Millionen Fonts dabei. Das ist bei Deinen kleinen Atari-Programmen ja
wohl kaum der Fall.«
Auch das ist richtig, und auch das stört mich nicht. Wenn ich zweihundertausend
schäbige Clip-Arts und fünfeinhalb Millionen miserable Fonts haben will (und
nichts anderes liegt den Programmen bei), kaufe ich mir für 'n Butterbrot eine
entsprechende CD-ROM im Elektronikmarkt. Aber da ich weder auf schäbige Clip-Arts,
noch auf miserable Fonts scharf bin, spare ich lieber viele Butterbrote, bis ich sie gegen
eine kleine Sammlung hochwertiger Clips-Arts und professioneller Fonts eintauschen
kann. Benutzen kann ich die nämlich auch auf meinem Atari.
»Ich nehme oft Texte oder Grafiken von der Arbeit mit nach Hause oder tausche
sie mit einem Freund aus. Das klappt ja nicht, wenn man einen Atari hat.«
Falsch. Grafiken sind eh kein Problem. Und der Austausch von Textdokumenten kann zwar
schon mal Probleme machen, aber nur die gleichen Probleme, die man hat, wenn auf der
Arbeit/bei dem Freund eine andere Textverarbeitung -- ja, liebe Windows-Jünger, es
gibt auch andere als MS Word -- installiert ist. Manchmal macht der Datenaustausch sogar
weniger Probleme, als wenn man versucht, Dokumente zwischen zwei verschiedenen
Word-Versionen zu transferieren.
»Aber als Atari-Besitzer steht man so alleine da! Wer hilft einem, wenn man
Probleme hat?«
Oh Gott! Heul doch! Vielleicht beschäftigst Du dich mal selbst mit deinem
Computer, was? Du bestehst ja auch nicht darauf, dass Du stets einen Beifahrer im Auto
hast, der Dich gelegentlich daran erinnert, welchen Sprit Du wo reinfüllen musst oder
wo denn noch einmal die Bremsen sind.
Außerdem: Wozu gibt's das Internet? Hilfsbereite Atarianer findest Du dort auf
jeden Fall.
»Ja, vielleicht sind die Ataris ja gar nicht so schlecht. Aber Windows-PCs
sind nun einmal Standard, und mit Standards fährt man immer am besten.«
Anmerkung: Hier kann man statt »Ataris« auch »Macs«,
»Linux-PCs« oder »Amigas« einsetzen.
Na, diese Einstellung bewundere ich von ganzem Herzen! Mit so einer Einstellung kann
man sich auch einen Golf kaufen -- und zwar nicht, weil man ihn für ein gutes Auto
hält, sondern weil die meisten anderen ihn auch haben. Man hat vermutlich den
gleichen Fernseher wie alle Nachbarn, trägt die gleiche Krawatte die meisten Kollegen
und kauft sich immer die Songs, die in den Charts gerade auf der Nummer 1 stehen --
wiederum nicht weil man sie mag, sondern eben weil sie ja auf Nummer 1 stehen. Kann ja gar
nicht falsch sein.
Ach, das macht Ihr nicht? Und wieso muss es beim Computer dann immer der Standard
sein?
»Da hat man die wenigsten Probleme.«
Erstens wage ich das zu bezweifeln. Wäre mir neu, dass man mit
Windows-PCs ganz, ganz wenige Probleme hat. Dann frage ich mich auch, weshalb die
PC-Zeitschriften immer so vollgestopft sind mit Problemvermeidungs- und
Problemlösungsstrategien (besser bekannt als »Tipps & Tricks«-Rubrik).
Man hat höchstens andere Probleme.
Und zweitens hat das in meinen Augen etwas davon, stets den Weg des geringsten
Widerstands zu gehen. Und das machen nur Langweiler und Dummköpfe.
Natürlich sind nicht alle Windows-User automatisch Langweiler und/oder
Dummköpfe. Unsere armen Jugendlichen z.B. haben ja nicht einmal eine vernünftige
Chance, andere Systeme kennenzulernen: Der iMac steht im NBC GIGA-Studio verschämt in
der Ecke und wird wenig beachtet, wenn seine Maus nicht gerade in Utas Moderationspause
von ihrer Hand zärtlich berührt wird, was man ja noch beneiden kann. Das Wort
»Linux« fällt auch nur alle Jubeljahre. Ich bin kein fleissiger GIGA-Gucker
(was man an anderer Stelle auch ausführlicher nachlesen kann), aber ich bin ziemlich sicher, dass Systeme wie
Atari, Amiga oder BeOS selten bis nie erwähnt werden.
Und sicherlich gibt es beizeiten auch gute Gründe, sich einen Windows-PC zu
kaufen. Aber es gibt genauso gute Gründe, sich für einen Mac, einen Linux- oder
BeOS-Rechner, einen Amiga oder eben einen Atari zu entscheiden. Anders als beim Highlander
muss es letztendlich nicht nur einen geben.
Jeder akzeptiert es, wenn man sich ein ganz bestimmtes Auto, eine ganz bestimmte Hose
oder ein ganz bestimmtes Klopapier kauft mit der Begründung: »Mir gefällt
dieses Auto/diese Hose/dieses Klopapier eben am besten«, selbst wenn einige logische
Gründe wie Preis-/Leistungsverhältnis o.ä. für ein anderes Produkt
gesprochen hätten. Ich sehe es nicht ein, warum derartige
gefühlsmäßige Entscheidungen -- man sagt auch: »Aus dem Bauch
heraus« -- nicht auch für Computersysteme gelten sollten.
Zu Beginn des Kapitels »Warum Atari?« habe ich gesagt, dass man diese Frage
eigentlich nur mit: »Warum nicht?« beantworten könne. Und genau das hier
geschilderte meine ich damit: Ich kann mit Atari-Software das machen, was ich am Computer
so machen will. Mein Nachbar verlangt nicht von mir, dass ich das gleiche Auto fahre, die
gleiche Hose trage, das gleiche Klopapier benutze wie er.
Wieso also sollte ich das gleiche Computersystem nutzen?
Und überhaupt: Ich möchte auch nur mal einen Windows-User treffen,
der den Satz »Ich bin ein Windows-Fan, weil ...« nicht beendet mit:
- »... das halt der Standard ist/das alle Leute haben.«
- »... es für Windows die meisten Spiele gibt.«
- »... ich mir von zig Bekannten Windows-Programme kopieren kann.«
- »... wir das in der Firma auch haben.«
- »... die das bei GIGA auch haben.«
- »... es doch nichts anderes gibt, oder?«
Ich möchte nur einmal erleben, dass jemand sagt:
- »Ich bin Windows-Fan, weil ich mir verschiedene Betriebssysteme angeguckt habe
und fand, dass Windows das beste, komfortabelste, effizienteste, innovativste auf dem
Markt ist.«
Aber kein Wunder, dass ich das noch nicht erlebt habe: Wer sich wirklich
verschiedene Betriebssysteme angeguckt hat, kann eigentlich gar nicht zu diesem
Schluss kommen, weil diese Aussagen auf Windows einfach nicht zutreffen. Warum nicht? Ganz
einfach:
- Das beste... nun gut, das ist sowieso die Schlussfolgerung aus den folgenden
Punkten:
- Das komfortableste -- nun, in früheren Zeiten war das MacOS um
Längen komfortabler. Das hat sich mittlerweile zwar relativiert, aber unterm
Strich scheint mir das auch heute noch so zu sein. Und wer einmal gesehen hat, wie einfach
man unter MagiC mit IConnect den Internetzugang für unterschiedliche Leute oder
unterschiedliche Provider einrichtet; wie problemlos der Wechsel von Druckertreibern
vonstatten geht; wie leicht man Programme wieder deinstallieren kann, ohne dass
sie Spuren hinterlassen, der wird auch dieses vergleichsweise einfache Betriebssystem zu
schätzen lernen;
- das effzienteste -- nun, man kann ja vieles über Windows sagen, aber
ganz bestimmt nicht, dass es effizient wäre! Dazu muss man nur mal gucken, unter
welchen geringen Hardwareanforderungen MagiC und -- nach allem, was ich gehört habe
-- auch BeOS zu guter Performance auflaufen.
- das innovativste Betriebssystem ist Windows nun ganz, ganz bestimmt
nicht. Die guten eigenen Ideen von Windows kann man wohl an einer Hand
abzählen, möglicherweise an beiden. Wann haben MS sich wirklich gute Sachen
selbst ausgedacht und nicht bei anderen geklaut? Die Tatsache der Innovationslosigkeit
wird sogar von Drittanbietern allgemein anerkannt: Selbst als die Computer -- ohoooo --
mit USB ausgestattet wurden, gab es kaum Geräte für den Anschluss an diesen Port
zu kaufen. Aber kaum hatten Apple den iMac auf den Markt gebracht, überschlugen sich
die Drittanbieter in dem Wettbewerb, wer als erster alle möglichen und
unmöglichen Teile für den USB anzubieten.
Wie ich nun in geradezu wissenschaftlicher Weise dargelegt habe, ist der einzige Vorteil von
Windows sein überwältigender Marktanteil. Und somit läuft es
schließlich doch darauf hinaus: »Ich kaufe mir einen Windows-PC, weil alle
anderen einen haben«, oder noch schlimmer: »Ach, gibbet da denn noch watt
anderes?«
Rein aus Prinzip mit der Masse schwimmen? -- Nein danke. Da bleibe ich doch lieber bei
meinen Atari-Systemen.
Ach, und zum Abschluss noch ein waaaaahnsinnig schlauer Gedanke: Kein Kunde
wünscht sich, dass irgendein Hersteller irgendeines Produktes eine Monopolstellung
erlangt; es sei denn, er (der Kunde) ist ziemlich dumm oder durchschaut nicht die
Mechanismen der Marktwirtschaft. Wieso aber haben dann so viele Computerbesitzer Microsoft
bereitwillig dabei geholfen, ein Quasi-Monopol aufzubauen und tun es immer noch?
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