Alle vier Programme sind so schlecht, daß die mit dem JAW
ausgezeichnet wurden.
ST-BASIC
In der Frühzeit der Ataris gehörte nicht (wie später) Omikron-BASIC zum
Lieferumfang der Computer, sondern ST-BASIC von Metacomco. Das war ein echter
Knüller: ST-BASIC war langsam, absturzfreudig und das beste Beispiel, wie man ein
Programm trotz GEM so verhunzen kann, daß es kein Mensch auch nur halbwegs
vernünftig bedienen kann. »GEM kann vier Fenster gleichzeitig offen
halten«, dachten die Entwickler, denn GEM konnte damals wirklich nur vier Fenster
gleichzeitg offen halten, »also machen wir auf Biegen und Brechen auch vier Fenster
auf.«
Man hatte also ein Editfenster, in dem man die Quelltexte eingab; ein Listfenster, in
dem man bei Bedarf ein geordnetes Listing des gesamten Programms ausgeben konnte; ein
Befehlsfenster, in dem man Befehle eingeben konnte, die sofort ausgeführt wurden; und
ein RUN-Fenster (oder war es ein ERROR-Fenster, ich weiß es nicht mehr), in dem man
dann das laufende Programm begutachten konnte -- wenn es denn überhaupt lief:
»GEM wirft so lustige Bomben aus, wenn der Rechner abschmiert«, dachten die
Entwickler, »also unterstützen wir dieses Feature doch auch.« Also gaben
sie sich jede erdenkliche Mühe, dass der der glückliche Anwender bei der Arbeit
mit ST-BASIC immer wieder die lustigen Bomben betrachten konnte.
Bei einer Auflösung von 640 * 400 ist es im übrigen besonders komfortabel,
wenn man gezwungen wird, zwischen vier Fenstern ständig hin- und herzuwechseln.
Aber ein Gutes hatte auch ST-BASIC: Drittanbieter wurden dazu ermutigt, bessere
BASIC-Dialekte zu schreiben. Und so konnten Atarianer bald auf leistungsfähige
Varianten wie GFA- oder Omikron-BASIC zurückgreifen.
WordPerfect
Weltweit auf verschiedenen Plattformen (DOS, Windows, Mac...) eines der
meistverkauften Textverarbeitungsprogramme aller Zeiten, war WordPerfect für den
Atari nie besonders gelungen, und man muß auch nicht lange nach den Ursachen suchen:
Grafische Benutzeroberflächen waren in der »kompatiblen« Welt damals noch
nicht sonderlich beliebt, sondern galten als »Spielerei für Analphabeten«.
Nein, in einem professionellen Programm durfte man damals nicht einfach einen
Menüpunkt anklicken oder in einer übersichtlichen Dialogbox die gewünschte
Option ankreuzen, man mußte sich so sinnvolle Tastaturfolgen wie »CTRL-F5, 4,
2, 6« (kein Witz!) merken. Und so ist es nicht verwunderlich, daß die
Programmierer der WordPerfect Corporation einfach noch keine Erfahrung mit grafischen
Benutzeroberflächen hatten. Die Atari-Version wartete zwar mit Fenstern,
Drop-Down-Menüs und Dialogboxen auf, aber die waren so hirnrissig strukturiert und
ineinander verschachtelt, daß von einer komfortablem Mausbedienung keine Rede sein
konnte.
Für die damalige Zeit war WordPerfect zwar ein Funktionsgigant, aber die
Atari-User suchten etwas anderes, was die DOSler erst Jahre später begriffen: Ein
komfortabel zu bedienendes, übersichtlich strukturiertes Programm. Das konnten die
Bosse der WordPerfect Corporation nun wohl gar nicht nachvollziehen, denn sonst wäre
die logische Konsequenz gewesen, eine überarbeitete Version, die diesen
Ansprüchen gerecht wird, nachzuliefern. Statt dessen nahmen sie wahrscheinlich an,
daß die Besitzer dieser Atari-Spielkiste einfach nichts mit einem ach so
professionellen Programm anfangen konnten, und sie stellten die Weiterentwicklung der
Atari-Version kurzerhand ein. Pech für sie: Wären sie auf dieser Plattform aktiv
geblieben, so hätten sie vielleicht noch jahrelang über ein Marktsegment
verfügt, in dem sie nicht von Microsoft »gekillt« worden sind.
Für den Atarianer ist WordPerfect also aus zwei Gründen so interessant:
Es gab mal Atari-Programme von wirklich großen Softwarehäusern.
Es war ein hübsches Lehrbeispiel, wie man die Benutzeroberflächen von
Programmen möglichst nicht gestalten sollte.
Mal ehrlich: Bevor ich mit WordPerfect ernsthaft hätte arbeiten wollen,
hätte ich mit Freuden andere Arbeiten verrichtet. Zum Beispiel aufräumen, den
Müll entsorgen oder:
(Wenn hier keine Sound-Kontrolle sicht- oder benutzbar ist, versuche den
Direktlink:)
Die angenehmere Arbeit
(WAV-Datei, ca. 21 KByte)
Diesen bösen Abschnitt über WordPerfect habe ich übrigens nicht extra
für meine Website geschrieben, sondern schon vor Jahren in einer anderen Publikation
veröffentlicht. WordPerfect hat sich grausam gerächt: Zuerst musste ich mehrere
Jahre lang in meinem Studenten-Job mit der Windows-Version arbeiten. Und jetzt hat sich
das Programm auch noch auf meinem Mac eingeschlichen: Ich brauchte für Zwecke, die
niemanden interessieren, eine billige Mac-Textverarbeitung, und WordPerfect 3.5e Mac,
mittlerweile unter Corel-Regie, kostete nur einen 24-MByte-Download.
Was kann ich sagen? Das Programm hat seinen Zweck einigermaßen gut erfüllt.
Aber was den Punkt »komfortable Bedienung« angeht, kann sich WordPerfect immer
noch 2349588 Scheiben bei papyrus abschneiden...
Diese Zahl habe ich mir nicht nur einfach ausgedacht. Wer errät, welchen
tieferen Sinn sie hat, bekommt eine lobende Erwähnung auf dieser Site und einen
Gutschein für einen interessanten Geschlechtsverkehr mit Laetitia Casta. Wie Ihr ihn
einlöst, ist allerdings Euer Problem.
Atari-Breakout von 1992
Was macht man, wenn man einen neuen Computer vorstellt, der phantastische
Möglichkeiten eröffnet? Zum Beispiel einen Rechner, der serienmäßig
mit DSP und A/D-Wandlern ausgestattet ist; und das zu einem Zeitpunkt, wo derartige
Zutaten noch äußerst rar sind? Einen Rechner, der das Potential hat, ebenso
neue Märkte zu erschließen, wie es die MIDI-Schnittstellen im ST Mitte der
80er Jahre getan haben?
Offen gesagt, ich weiß auch nicht, wie man so einen Computer medienwirksam
präsentiert. Ich weiß aber, was sicherlich keine gute Idee ist: Auf
diesem Rechner einen neuen, schlicht gemachten Aufguß eines längst bekannten
Spielprinzips vorzuführen.
So etwas macht ja auch keiner? Oh doch! Atari haben es vollbracht, bei der Vorstellung
des Falcon030 eine Breakout-Variante vorzuführen. Und zwar nicht etwa eine Variante,
die die gleichen Erweiterungen zu bieten haben wie andere -- herabfallende Bonussteine,
umherfliegende Gegner usw. -- nein, ein ganz schlichtes »Krieg' den Ball und
schieß die Mauer weg«-Breakout; welches aber immerhin, geradezu
revolutionär, im Fenster lief. Das zeigt doch den Leuten, welche Power in dem Rechner
steckt! Immerhin werden ganz tolle Samples abgespielt.
Dafür kann man dann ja auch auf dieses oder jenes verzichten: Selbst »Super
Breakout« auf dem Atari 800 hatte mehr Funktionen zu bieten, und nebenher ist die
1992er-Variante noch so unsauber geschrieben, daß sie nicht einmal unter MagiC Mac
läuft.
Herzlichen Glückwunsch!
Eine Erklärung für derartige Verhaltensweisen bietet eigentlich nur Die Tramiel-Theorie.
Der vermutlich größte Knüller, den Atari in ihrer gesamten Geschichte
abgeliefert haben, ist das Rennspiel (falls man es so nennen darf) Club Drive
für den Jaguar, die erste 64-Bit-Spielekonsole der Welt.
Seid Ihr Trash-Fans? Dann solltet Ihr Euch unbedingt mal Club Drive ansehen! Dieses
Spiel gehört in die Sammlung jedes Jaguar-Besitzers -- sofern man nicht mehr als,
sagen wir mal, 13 € dafür ausgegeben hat. Soviel ist der Lachflash auf jeden
Fall wert.
Ein alter Witz funktioniert heute leider nicht mehr so ganz richtig: Versetzt Euch mal
in das Jahr 1993 zurück. Die Konsole Nintendo SNES und Sega MegaDrive beherrschen den
Markt. Den Sega Saturn gibt es noch nicht, ganz zu Schweigen von Sony Playstation und
Nintendo64. 16 Bit ist der Standard.
Man erzählt einem Bekannten vom Atari Jaguar, von seinen phantastischen Grafik-
und Soundeigenschaften. Von seinem 64-Bit-System. Man lädt ihn ein, um ihm dieses
Wunderwerk der Technik vorzuführen. Als erstes legt man Club Drive ein, und dann
achtet man ganz genau darauf, was der für ein Gesicht macht: Bricht er in
höhnisches Gelächter aus, oder hat er diesen »Hat der Kerl sie nicht mehr
alle«-Ausdruck?
Mal ehrlich, an Club Drive ist wirklich alles schlecht -- in jeder
erdenklichen Hinsicht bricht das Spiel alle Negativ-Rekorde: Die Polygon-Grafik erinnert
doch stark an längst vergangene Kindheitstage, in denen man mit Bauklötzchen
gespielt hat. Die Sounduntermalung erinnert eher an eine brummende Stubenfliege als an die
brüllenden Motoren PS-strotzender Rennboliden. Die Steuerung ist derart
unpräzise, daß man sich in der Realität nicht mal trauen würde, mit
so einem Wagen bis zum nächsten Zigarettenautomaten zu fahren. Kurz: Dieses Spiel
muß man mal gesehen haben.
Und das Beste ist: Club Drive kostete genauso viel wie jedes andere, normale
Jaguar-Spiel auch, und das hieß damals ca. 130 DM. Das grenzt schon fast an Betrug.
Obwohl, andererseits: Wäre das Spiel nicht 1993, sondern 1985, und nicht für den
Jaguar, sondern für den Atari 520ST erschienen -- es hätte sicherlich da und
dort ein lobendes Wort geerntet. Aber so kam es dem Versuch gleich, Wing Commander I im
Jahr 2000 als tolles Spiel für hochgerüstete PCs zu verkaufen.
Fraglich bleibt nur, wieviel Flaschen Wodka nötig waren, um Club Drive durch die
firmeninterne Qualitätskontrolle zu schmuggeln...
Weitere Vorschläge für echte Highlights der Atari-Ära nehme ich gerne
jederzeit entgegen (s. Kontakt).
Beweise für die herausragende Qualität eines
hypermodernen Spiels:
Oben ein Snapshot der höchst aufwendigen Grafik.
Und Ihr könnt ein paar Kostproben der
ultrageilen Sounds genießen: