Die DOSen-Theorie betrachtet das Verschwinden der Atarianer aus einer
anwenderzentrierten Perspektive. Doch zunächst muß man wissen, was damals, etwa
Ende der 80er Jahre, eigentlich geschah.
In den achtziger Jahren war alles in bester Ordnung: Atarianer hatten ihre 1040er oder
Mega STs und erfreuten sich der einfachen Bedienung einer grafischen
Benutzeroberfläche. Die Rechner waren für damalige Zeiten
verhältnismäßig schnell, und die Anwendungsprogramme waren zwar nicht
allzu umfangreich, aber für den privaten Bedarf durchaus ausreichend. Die PC-Besitzer
lachten nur über die Ataris: »Grafische Oberfläche -- das ist doch was
für Analphabeten! Einen richtig professionellen Rechner bedient man an der
Kommandozeile, eine grafische Oberfläche frißt nur Rechenzeit. Und
überhaupt: Dieser Spielecomputer! Daran daß es soviele Spiele für den
Atari gibt, sieht man ja schon, daß das kein ernstzunehmender Computer ist.«
Doch Anfang der neunziger Jahre geschah etwas unerwartetes. Windows 3.x kam auf den
Markt, eine grafische Benutzeroberfläche für PCs. Grafische
Benutzeroberfläche? Nein, so kann man Windows 3.x nun beim besten Willen nicht
nennen. Vermutlich handelte es sich um eine frühe Designstudie, die irgendwann einmal
zu einer echten Oberfläche werden sollte. Warum sie trotzdem auf den Markt kam? Nun,
das wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben. Aber ich habe den Verdacht, daß Billy
the Kid Gates endlich auch so nette Fensterchen und Icons, wie er sie bei anderen
Computern gesehen hatte, für seine Rechner anbieten wollte.
Also spazierte er in das Büro der Entwickler, die an Windows-Designstudie
arbeiteten. Darauf waren die armen Jungs nun gar nicht vorbereitet: Ein paar spielten
gerade die Minesweeper-Alphaversion; die Paintbrush-Gruppe testete gerade, ob die 4257
Tittenbilder auf ihrer Festplatte auch im BMP-Format gut aussahen; etliche popelten in der
Nase oder übten sich im Kaugummi-Weitspucken. Nur einer arbeitete tatsächlich:
Er versuchte, ob er den Dateimanager so programmieren könnte, daß man mehrere
Dateien über das Aufziehen eines »Gummibandes« selektieren kann -- aber das
klappte irgendwie nicht.
»Na, Jungs«, rief Bill fröhlich, »wie weit seid Ihr denn mit
dieser Windows-3-Geschichte?« -- »Ooooch«, sagte der Projektleiter,
»fast fertig. Also noch nicht ganz. Wir müssen noch ein bißchen testen,
Bugs entfernen und so. Aber sonst ist eigentlich alles o.k.!«
Das war natürlich eine dreiste Lüge. Aber hätte er dem Chef sagen
sollen, daß die ganze Gruppe in den letzen Monaten hauptsächlich gefaulenzt
hatte?
»Fein«, sagte Bill, »dann können wir es ja in, sagen wir mal, drei
Monaten auf den Markt bringen?« Der Projektleiter bekam einen Riesenschreck:
»Nun ja, Chef, also diese Bugs -- da müssen wir noch einiges tun. Und,
ääähhhmm, wir haben es noch nicht geschafft, Treiberinstallationen
problemlos über die Bühne gehen zu lassen. Und...«
»Ach, Ihr schafft das schon! Dann bringen wir Windows eben erst in vier Monaten
'raus!« rief Bill und ging wieder. Ihm war gerade eingefallen, daß er an diesem
Tag noch gar nicht kontrolliert hatte, ob seine Sekretärin wieder dieses scharfe
knappe Röckchen trug.
Die Windows-Entwickler brachen in helle Panik aus. Wie, um alles in der Welt, sollten
sie so schnell eine vernünftige grafische Benutzeroberfläche fertigbekommen? --
Sie schafften es natürlich nicht. Aber sie hofften, daß das nicht so sehr
auffallen würde bei den vielen bunten Fensterchen und Icons, die sie hineingebracht
hatten.
In der letzten Nacht, bevor sie das Ergebnis vorlegen sollten, saß der oben
erwähnte fleißige Programmierer wieder vor seinem Computer, als der
Projektleiter hereingestürmt kam: »Um Gottes Willen, wir haben vergessen, einen
Texteditor zu schreiben! Bill hat darauf bestanden, daß einer beiliegt. Schreib' mal
schnell einen!« -- »Aber ich sitze gerade noch an dieser 'Dateien-mit-Gummiband-
selektieren'-Sache. Krieg' ich irgendwie nicht hin!«
»Ist egal. Schreib' den Texteditor! Wenn wir den haben, fällt vielleicht
nicht auf, daß nach der Installation einer Soundkarte das Modem oft nicht mehr
funktioniert.« -- »Ich könnt' mal eben den DOS-EDLIN für Windows
umschreiben, soll ich?« -- »Nein, mach schon was neues. So im Fenster, mit
Blockmarkierung per Maus und sowas.«
»Uiii«, sagte der Programmierer, »dafür brauch' ich freilich die
ganze Nacht. Und selbst dann weiß ich nicht, ob ich eine
Suchen-und-Ersetzen-Funktion noch schaffe!« -- »Suchen und ersetzen«,
brüllte der Projektleiter, »wer brauch denn so'n Quatsch, laß es einfach
weg. Suchen alleine reicht.«
Und so kam es, daß die Entwickler Bill Gates ein halbfertiges Betriebssystem
präsentierten -- oder besser gesagt, dessen grafische Oberfläche. Und angesichts
der vielen bunten Fenster war der auch ganz begeistert und beschloß, Windows 3 auf
den Markt zu bringen.
Nun hätte man erwartet, daß die Anwender die Neuerungen ablehnten. Aber
nein: Sie waren ebenso begeistert wie Bill. Sie installierten Windows auf ihren Rechnern
-- endlich war er nicht mehr so schnell, das wurde ja schon langsam unheimlich mit der
ganzen Geschwindigkeit.
Die PCler luden die Atarianer ein und sagten: »Guck mal, eine grafische
Oberfläche, wie auf deinem Atari. Nur viel professioneller, das sieht man ja schon an
den schönen Farben! Und Word habe ich auch, das ist ja viel umfangreicher als deine
Atari-Textverarbeitung.«
»Jaaa -- nicht schlecht«, sagte der Atarianer, »wo ist denn der
Papierkorb?« -- »Papierkorb«, höhnte der PCler, »das braucht man
doch nicht. Ich tippe auf die Entfernen-Taste, das geht doch viel schneller. Und guck mal:
'Ne Festplatte habe ich auch, du mußt ja alles von Diskette starten.« --
»Das stimmt schon, aber ich kann wenigstens ohne Festplatte arbeiten, das
scheint mir bei Windows ja nicht so zu sein. Überhaupt: Zugegeben, Word kann ziemlich
viel. Aber eigentlich brauche ich das alles nicht, und dafür ist meine
Textverarbeitung schön billig.«
»Billig?«, fragte der PCler, »ja, meinst du denn, ich hätte Word
gekauft? Nee, das habe ich mir in der Firma 'runtergezogen. Aber guck mal, alles
in Farbe, und bunt! Paß auf, ich zeig' dir mal meine Sammlung an
Tittenbildern...«
Monate später trafen die beiden sich wieder. »Habe gerade meinen PC
runderneuert. Schnellere CPU, größere Festplatte, bessere Grafikkarte. Brauch'
ich für die neuen Spiele. Tja, für den Atari kommen ja bald gar keine Spiele
mehr auf den Markt, die Kiste kannste vergessen. Auf vernünftigen Computer kann man
ja auch mal eine Runde spielen. Allerdings brauche ich nächsten Monat wohl 'ne zweite
Festplatte: Da krieg ich das Word-Update, das paßt dann nicht mehr. Könnt' ich
dir alles kopieren, aber du hast ja keinen PC.«
Und dann setze etwas ein, was sich wohl nur mit dem Begriff des
»Herdentriebes« erklären läßt: Der Atarianer wollte nicht mehr
so individuell sein. Er wollte, wie die anderen auch, einen PC. Und außerdem dachte
er sich: »Vielleicht stimmt es ja, daß der Atari bald vom Markt verschwindet.
Also steige ich lieber schnell um, das ist sicherer -- möglicherweise gibt es bald
keine Atari-Software mehr, ist schon schwer genug, die zu besorgen. Auf dem PC krieg' ich
dann auch mehr Raubkopien, und überhaupt: Windows ist so schön bunt.«
Und weil viele dachten, daß es bald keine Atari-Software mehr geben würde,
verließen sie die Atari-Plattform, und so gab es immer weniger Käufer für
Atari-Software. Für viele Firmen lohnte es sich dann nicht mehr, Atari-Software
weiterzuentwickeln und sie stellten die Entwicklung ein. Eine selbsterfüllende
Prophezeiung nennt man so etwas.
Daß Atari-Computer später auch schön bunt wurden, daß
Festplatten auch dort auf breiter Front Einzug erhielten; ja, daß man Atari-Software
in vernünftiger Geschwindigkeit auf Macs und PCs laufen lassen konnte -- das bekamen
die Ex-Atarianer schon gar nicht mehr mit. Sie hatten auch viel zu viel damit zu tun,
ihren PC ständig aufzurüsten.
»Siehst du«, sagte der Ur-PCler zum Ex-Atarianer, »in Windows95 gibt's
sogar einen Papierkorb. Aber der ist viel besser als der auf dem Atari, da kann man sogar
die Dateien wieder rausholen. Ist ja auch viel professioneller. Und was ich jetzt für
'ne Grafik habe, seitdem ich die neue Karte eingebaut habe! Muß nur noch mal 'ran,
irgendwie habe ich seitdem keinen Sound mehr...«
Ist's Euch aufgefallen? So richtig habe ich jetzt nicht erklärt, wieso so
viele ehemalige Atari-Anwender auf den PC umgestiegen sind. Ich habe mal wieder die
Gelegenheit genutzt, gegen Windows zu wettern. Aber dafür habe ich wenigstens 'ne
nette Geschichte erzählt, ist doch auch schon mal was.
Was sagt Ihr? Installationsprobleme gibt's unter modernen Windows-Versionen nicht
mehr, das gehört der Vergangenheit an? Ach so, Entschuldigung. Hätt' ich mir
denken können, daß die PC-Zeitschriften immer nur so umfangreiche
Tipps-und-Tricks-Artikel zu diesem Thema haben, weil denen sonst nicht einfällt, wie
sie ihr Magazin vollkriegen. Ist ja auch klar, daß denen ansonsten der Stoff
ausgeht: Softwaretests sind ja ohnehin überflüssig -- MS Office hat eh jeder,
und Konkurrenzprodukte mit innovativen Ideen, die sich an den Bedürfnissen der
Anwender orientieren, sind nun mal nicht Standard. Kann man also nicht nehmen.
Und klar: Shu und Mirko@GIGA4U bekommen auch nur deshalb so viele
»Hilfe-mein-druker-Druckt-nich-mher«- und
»Hilfe-Mein-Garfickporgamm-hatt-meine-bilder-Gemüllt«-Mails, weil..
äähhmm... weil es ja immer ein paar Idioten gibt, die selbst das beste
Betriebssystem nicht verstehen.
Aber ich bin angenehm überrascht: Da gibt es in letzter Zeit doch hier und da
PC-Besitzer, die Windows auch nicht mehr so lieb haben und Linux vorziehen. Okay, die
gibt's schon lange; bisher kamen die aber meistens aus der Programmierer-Ecke,
mittlerweile scheint das auch eine Alternative für versierte Anwender zu werden.
Richtig so! Ich meine: Alle jammern darüber, daß Microsoft ein Quasi-Monopol
haben, aber die meisten davon haben tatkräftig dazu beigetragen...
Naja, sehen wir uns jetzt Die Tramiel-Theorie an, vielleicht erfahren wir doch noch,
was viele Ex-Atarianer zum Abwandern bewegt hat.
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