Der größte Fehler in kommerziellen Websites ist es, die Seiten mit allen
möglichen und unmöglichen Kram vollzustopfen: Animationen, Sounds, Java,
JavaScripts...
Sicherlich kommt man kaum um eine wohldosierte Anwendung der genannten Features herum
-- aber muß es gleich alles auf einmal sein? Jeder will im Internet auffallen --
aber fällt man durch überladene Seiten angenehm auf?
Jan Tschichold hat einmal geschrieben:
Da keiner leiser reden will als der Nachbar, schreien nun fast alle. Wünschbar
ist aber, daß man nur mir Zimmerlautstärke rede [...]
Es geht sehr gut, und wer den Anfang macht, hat noch den Vorteil, daß seine
Anzeige so angenehm unter den Schreihälsen auffällt wie ein Gesitteter unter
rohen Burschen [...] wer schreit, fällt zwar auf, aber nicht angenehm.
Quelle: Jan Tschichold, Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie: eine Fibel
für jedermann. Maro Verlag, Augsburg 1988. Nachdruck der Originalausgabe Otto
Maier Verlag, Ravensburg 1960.
Okay, das Zitat bezog sich auf gedruckte Werbeanzeigen und die Wortwahl erscheint uns
heutzutage etwas merkwürdig. Aber inhaltlich kann man es sehr gut auf die heutige
Zeit und kommerzielle Websites übertragen.
Nehmen wir an, Ihr wäret der Hersteller eines beliebigen Produktes. Sagen wir
mal, Ihr würdet Autos herstellen. Mittelklassewagen. Was wollt Ihr mit den Autos
machen? Ihr wollt sie verkaufen. Also entscheidet Ihr Euch, einen Werbespot im Fernsehen zu
präsentieren.
Ihr gebt den Spot bei einer Werbeagentur in Auftrag. Als er fertig ist, führt
Euch die Agentur den Spot vor, und er ist genial. Euer Auto wird grandios in Szene
gesetzt. Wenn Ihr Euch den Spot anseht, bekommt Ihr sofort Lust, dieses Auto zu kaufen;
sogar, wenn Ihr es nicht selbst herstellen würdet. Würde in dem Spot ein Produkt
der Konkurrenz beworben -- Ihr würdet sofort die Branche wechseln, denn Ihr
wüßtet: Ihr habt verloren.
Leider hat der Spot einen klitzekleinen Haken: Aufgrund technischer Gegebenheiten kann
das Bild nur von Fernsehzuschauern empfangen werden, die einen Fernseher mit einer
Bildschirmdiagonalen von mind. 85 cm haben und über Satellitenempfang verfügen.
Empfänger von Kabelfernsehen und Besitzer kleinerer Fernseher bleiben leider
außen vor, sie können nur den Ton hören, während der Bildschirm
schwarz bleibt.
Was würdet Ihr sagen?
Höchstwahrscheinlich so etwas wie: »Nein, das geht nicht! Wir müssen
alle potentiellen Kunden erreichen. Sonst schränken wir ja unseren
Kundenkreis ein. Womöglich sind die Fernsehzuschauer, die nur den Ton hören,
sogar enttäuscht oder ungehalten über diesen Zustand, und werden unsere Marke in
Zukunft mit einem negativen Gefühl verbinden. Womöglich glauben sie, wir wenden
uns nur noch an einen elitären Kundenkreis. So leid es uns tut: Der Spot muss
geändert werden, alle Fernsehzuschauer müssen ihn empfangen
können.«
Und die Leute von der Werbeagentur schauen betroffen drein: »Ja, wie -- es gibt
Leute, die haben kleinere Fernseher? Die haben keinen Satellitenempfang?
Das kann doch gar nicht sein! Also, wir haben zuhause alle einen
größeren Fernseher und 'ne Schüssel auf dem Dach...«
Und was will uns dieses hübsche Beispiel sagen? Kein vernünftiger Mensch
würde für diesen Spot bezahlen. Kein vernünftiger Mensch würde ihn
ausstrahlen. Weil er eben nicht alle Kunden erreicht, und unter Umständen sogar ein
Negativ-Image der anbietenden Firma erzeugen kann. Is' doch logisch, oder?
Komischerweise stört es im Internet viele Anbieter nicht, wenn ihre Seiten nicht
von allen Leute gelesen werden können. Komischerweise ist es ihnen egal, wenn schon
die Startseite so lange geladen wird, dass garantiert die Hälfte aller Besucher
genervt den »Abbruch«-Button klicken, bevor sie komplett auf dem Bildschirm zu
sehen war.
Und warum ist es ihnen egal? -- Wenn ich das mal wüßte...
Ich würde vermuten, dass sie es einfach nicht besser wissen: »Wieso sollten
wir auf Java, JavaScript, Shockwave, RealVideo... verzichten? So etwas macht eine Website
doch erst so richtig toll! Und es hat ja sowieso jeder die nötigen Erweiterungen
installiert. Und es geht ja sowieso jeder mit einem superschnellen Rechner der jeweils
neuesten Generation und ISDN-Anschluß ins Internet, also was soll's?«
Vielleicht läuft das auch ein bißchen anders: Die Webdesign-Agenturen wissen
schon, dass nicht jeder auf eine derart überladene Seite zugreifen kann. Aber ihre
Auftraggeber lassen sich nun mal von den animierten, piependen und blinkenden Seiten
beeindrucken und rufen: »Jaa, das ist eine tolle Internetseite! Ist gekauft! Hier
haben Sie fünfzigtausend Mark!« Und da man dann ja sooo eine tolle Seite hat,
muß man sie die nächsten vierzehneinhalb Monate auch nicht mehr updaten...
Sicherlich ist es vorteilhaft, neue Möglichkeiten des Webdesigns zu nutzen. Auch
will ich nicht dafür plädieren, die nächsten zwanzig Jahre
»Nur-Text«-Seiten ins Internet zu stellen. Aber vielleicht sollte man wenigstens
die Startseite so gestalten, dass jeder darauf zugreifen kann. Von dort aus kann
man ja -- so wie ich es höchst nachahmenswert demonstriere -- auf
verschiedene Versionen der Website verzweigen: Eine für Low-End-Surfer, die
wenigstens die Basisinformationen enthält. Eine für High-End-Surfer, auf der es
so richtig hübsch piepen und blinken und hüpfen und laufen usw. darf. Vielleicht
noch eine, die irgendwo dazwischen liegt.
»Ach nee«, sagen die Anbieter vielleicht, »dann schauen ja alle nur die
Minimal-Seite an, damit sie möglichst schnell wieder draußen sind. Und die
viele Mühe für die medial hochgerüstete Version war ganz umsonst...«
Aber erstens bezweifle ich, dass es so kommen würde. Und zweitens: Wenn
es so kommen sollte, dann wäre das ja der beste Beweis, was Internetsurfer wirklich
haben wollen: Informationen, an die man schnell und ohne viel Schnickschnack herankommt.
Und wer dieses Bedürfnis bedient, dürfte sich eines regen Zuspruchs erfreuen,
und das ist es doch, was man mit einer Website erreichen will, oder?
Oh, und ganz nebenbei noch: Das beste Beispiel für vergeigte Internetseiten sind
solche, deren Designer noch nicht gemerkt haben oder mit Absicht hartnäckig
ignorieren, dass es gewisse Inkompatibilitäten zwischen den beiden führenden
Browsern gibt (das Wissen, dass noch ganz andere Browser existieren und benutzt werden,
will ich von diesen Leuten gar nicht erst verlangen). »Best viewed with Internet
Explorer« bedeutet nicht anderes, als dass die Anbieter/Designer sich einen Dreck
darum scheren, dass manche Besucher vielleicht den Netscape Communicator/Navigator oder
gar einen ganz anderen Browser installiert haben (umgekehrt gilt natürlich das
gleiche).
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