Nachdem ich im letzten Kapitel alle Computerbesitzer als Idioten bezeichnet habe und
mich da wenigstens selbst mit eingeschlossen habe, muss ich nun eine Personengruppe
beschimpfen, der ich selbst nicht angehöre -- tut mir leid, wenn ich damit
Dich beschimpfe, aber manches muss halt sein...
In den letzten Monaten und Jahren war immer wieder von Viren und Würmern zu
hören, die sich per eMail in die Computersysteme eingeschlichen haben.
Da könnte man zu dem Schluß kommen, dass eMail ein ziemlich unsicheres
Medium ist.
Nö.
Ist es nicht.
eMail ist sicher.
eMail ist so bombensicher, da kommt kein Virus oder Wurm rein.
Ehrlich!
Eine vernünftige eMail besteht nämlich nur aus Text, reinem
ASCII-Text. Eventuell erweitert um einen Anhang (Attachment), welches ein
vernünftiger eMail-Client auf Wunsch des Anwenders auf die Festplatte sichert
und sonst gar nichts damit macht.
Leider kamen irgendwann irgendwelche Leute auf die Idee, dass es doch viel
schöner wäre, wenn man eMails ganz toll formatieren könnte, mit farbiger
Schrift und unterschiedlichen Fontgrößen... verziert mit ein paar Bildern, und
schon ist man der tristen Welt des ASCII-Textes entronnen.
Leider kamen irgendwann irgendwelche Leute auf die Idee, dass es doch viel
schöner wäre, wenn man Attachments nicht erst umständlich auf Festplatte
sichern muss, um sie dann wieder herauszusuchen und mit einem entsprechenden Programm zu
öffnen: Viel schöner ist es doch, wenn der eMail-Client das für den
Anwender erledigt und alle Anhänge automatisch öffnet.
Und schon hat man sich einen Haufen neuer Probleme eingehandelt.
Die Tatsache, dass HTML-eMails derart ineffizient sind, dass es zum Himmel schreit,
wollen wir hier sogar mal außer Acht lassen, selbst wenn es eine
unumstößliche Tatsache ist. Aber warum muss man ein absolut sicheres Medium
derart verbiegen, dass es zum wahrscheinlich größten
Schädlingsumschlagplatz der Welt wird?
Das erscheint mir, mit Verlaub, eine verdammt absolut und uneingeschräkt
idiotisches Idee zu sein...
Ooooh ja, ich höre schon die Vorwürfe, wie rückständig ich sei.
Soll ich doch an mein grünes Textterminal zurückkehren, wenn ich Fortschritt in
der Computerwelt nicht dulden will!
Da muss ich einmal kurz, aber kräftig lachen.
(Wenn hier keine Sound-Kontrolle sicht- oder benutzbar ist, versuche den
Direktlink:)
Ich muss mal lachen...
(WAV-Datei, ca. 58 KByte)
Fortschritt?
Welchen Fortschritt?
»Fortschritt« ist für mich ein durch und durch positives Wort.
Fortschritt ist immer gut! »Fortschritt« ist aber nicht gleichbedeutend
mit: »Wir machen heute alles anders, als wir es gestern noch gemacht haben.«
»Fortschritt« heißt auch nicht: »Wir begrüßen alle
technologischen Neuerungen mit frenetischem Jubel.«
Technologische Neuerungen können Fortschritt sein, und oft genug sind sie
es auch -- sie sind es aber nicht zwangsläufig!
Und HTML-eMails sind, nach dieser Definition, absolut kein Fortschritt.
Denn was bringen sie mir schon für Vorteile?
Eine übersichtlichere Textstrukturierung?
Nein, denn auch reinen ASCII-Text kann man übersichtlich gestalten, und auch er
bietet *mehr*als*genug* Möglichkeiten, Text /besonders/ hervorzuheben.
Oder sogar GANZ besonders hervorzuheben.
Eine bessere Lesbarkeit?
Nein, denn »Lesbarkeit« ist ein höchst subjektiver Parameter. In jedem
schraddeligen eMail-Client kann ich die Schriftart und -größe einstellen, die
ich am lesbarsten finde. Und dann kommt irgenjemand mit seiner HTML-eMail daher
und meint, er wüsste besser als ich, welche Schrift ich lesbar finde?
Ein bessere Kontrolle über das Layout der Mail?
Nein, denn sie bringen eher eine schlechtere Kontrolle über das Layout:
Bei ASCII-Mails ist der einzige kritische Punkt die Kontrolle über den Zeilenumbruch,
und selbst das haben die meisten Clients heute gut im Griff. HTML-Mails hingegen
müssen von den Clients erstmal interpretiert werden, und dabei gibt es ganz
erhebliche Unterschiede.
Corporate Identity?
Das ist das blödeste Argument überhaupt! Erstens: Privatpersonen brauchen
keine CI. Zweitens: Eine Firma kann einen positiven Eindruck bei mir hinterlassen, indem
sie eMails schnell und kompetent beantworten -- und nicht, indem sie mir eine eMail
schicken, die ihr Logo und ihre Firmenfarbe als background-color enthalten.
Und was bringen HTML-eMails für Nachteile?
Sie sind größer.
Und das bei gleichem »eigentlichen« Inhalt. Aber darauf will ich ja nicht
eingehen, wie oben versprochen, auch wenn es immer noch wahr ist.
Sie sind unsicherer.
Weil sie JavaScripte und andere nette Dinger eingebaut haben können, die doofe
Clients auch noch automatisch ausführen.
Sie laden Spammer ein.
Ein Spam-Versender kann durch ganz simple Tricks herausfinden, ob Du seinen Spam
tatsächlich auch geöffnet hast. Und schon setzt er dich auf die Liste derer, die
auch beim nächsten mal Spam erhalten.
Der einzige Vorteil einer HTML-eMail ist, dass ich andere
Gestaltungsmöglichkeiten habe als bei einer ASCII-Mail. Fraglich bleibt allerdings,
ob der Empfänger der eMail überhaupt Wert auf so etwas legt. Und nur für
diesen winzigkleinen Vorteil soll ich die Nachteile in Kauf nehmen?
Das soll Fortschritt sein?
Kommen wir nun zu den Clients, die Attachments automatisch ausführen oder auch
nur anzeigen. Wozu in Gottes Namen soll das nun wieder gut sein?
Wenn ich eine eMail mit Anhang erhalte, sichere ich diesen auf meiner lokalen Platte,
öffne den Zeil-Ordner, schaue mir den Dateinamen an (und Ja! ich sehe, ob eine Datei
wirklich nur alyssa_milano_nackt.jpg heißt oder vielleicht doch
alyssa_milano_nackt.jpg.exe, selbst wenn eine .exe-Datei auf meinem Mac eh
nix anrichten kann) und öffne die Datei dann mit dem entsprechenden Programm
(Grafikprogramm, Textverarbeitung...) -- das ganze dauert ungefähr sieben Sekunden
pro Attachment.
Sind sieben Sekunden zuviel?
Nein, selbst wenn es sich um sieben Sekunden bezahlte Arbeitszeit handelt. Denn
alleine durch diese Vorgehensweise reduziert man die Gefahr von unerwünschten
Eindringlingen drastisch -- und für die Kosten, die ein Virus, der sich ins
System eingenistet hat, kann man schon eine Menge Attachments auf diese Weise
öffnen.
Was, die dir dauert dieser Vorgang (Anhang sichern, Dateinamen angucken, mit dem
richtigen Programm öffnen) länger als sieben Sekunden?
Dann solltest du überlegen, wie du deine Betriebssystemoberfläche
effizienter konfigurierst!
Und dann gibt es noch das Argument: »Ich kann alle eMails sorglos
öffnen, weil ich ne Firewall und nen Virenscanner habe.«
Ein Virenscanner hat es aber an sich, dass er nur dann verläßlich
funktioniert, wenn der fragliche Virus bekannt ist. Und wegen der ganzen »mein Client
führt Attachments automatisch aus«-Leute breiten sich Viren heutzutage i.d.R.
schneller aus als ihre Abwehrmöglichkeiten.
Und eine Firewall -- na gut, die hat auch so ihre Vorzüge. Aber in Bezug auf
eMails? Hey, ich lasse meine Haustür auch nicht den ganzen Tag weit offen stehen und
miete mir dann einen Wachposten, der dann darauf aufpasst, dass keine bösen Leute
reinkommen! Ich kann die Haustür nämlich auch verschließen, und wenn
jemand reinwill, soll er klingeln und ich gucke, wer da ist.
Das Empfangen von HTML-eMails unter Verwendung einer Firewall entspricht der Variante
mit dem Wachposten; während der eMail-Client, der nur reine Text-eMails anzeigt und
Anhänge auf Wunsch sichert, der »Haustür-verschließen«-Variante
entspricht.
Übrigens: Reine HTML-Mails -- also solche, die nicht mal einen »reinen«
Textteil enthalten -- landen bei mir ungelesen auf dem Datenfriedhof; meistens sogar,
bevor sie vom Server runtergeladen wurden.
Wer immer noch nicht versteht, was ich gegen HTML-eMails habe, kann sich auch mal
diese Seite angucken:
www.kaipahl.de/brain/html_ist_boese.html