Jetzt mal ehrlich: Nachdem ich schon länger als ein Jahrzehnt vor dem Computer
sitze (okay, ich geb's zu: Zwischendurch bin auch mal aufgestanden), muß ich doch
sagen, daß man irgendwie komplett bescheuert ist, damit seine Zeit zu verbringen.
Irgendwann hieß es mal, daß Computer die Arbeit erleichtern und Zeit
sparen. Ein Vorurteil, daß sich hartnäckig hält. Einfach lächerlich!
Klar, müßte ich meine Briefe auf einer Schreibmaschine tippen, wäre
ich verloren: Tipp-Ex sieht jeder. Auf dem Computer behebe ich Tippfehler ganz einfach,
sauber und schnell, und das meistens schon nach dem siebten Testausdruck. Aber wie lange
habe ich gebraucht, um die Textverarbeitung zu installieren und mich einzuarbeiten, selbst
wenn es sich um ein überaus komfortables Programm wie papyrus handelt? Auf der guten
alten XYZ-Schreibmaschine mußte ich mich entscheiden, ob ich das rote oder das
schwarze Farbbband nehme. In der Textverarbeitung stelle ich mir die Frage, welchen Font
ich nehme: Times New Roman (war nur ein Witz, nehme ich nie) oder Baskerville oder
FF Scala oder TheSerif oder vielleicht mal die Franklin Gothic? Wieviel Punkt? Welcher
Zeilenabstand? Welche Zeilenbreite? Soll ich vielleicht eine Grafik einfügen? Wenn
ich meine Unterschrift einscanne, muß ich nicht mehr von Hand unterschreiben. Aber
in der Zeit, die ich für diesen Vorgang brauche (weil der Scanner mal wieder nicht so
will, wie ich es haben möchte), hätte ich ungefähr achtunddreißig
Briefe von Hand unterschreiben können.
Mitte der achtziger Jahre, als ich noch in die Schule ging und keinen Computer hatte,
war es schön einfach: Die Computerfreaks waren schmächtige, bebrillte,
käsegesichtige Spinner, die eh nie eine Freundin hatten und schon rote Ohren bekamen,
wenn man sie nur fragte, ob sie sich schon mal einen runtergeholt hatten. Zu Fêten
wurden sie auch nicht eingeladen.
Aber etwas später wurde ich auch zu einem Computerfreak. Naja, einige
Voraussetzungen brachte ich ja auch mit: Schmächtig und bebrillt war ich auch (hat
sich auch nichts dran geändert); aber zumindest hatte ich eine Freundin, war nicht
käsegesichtigt und bekam keine roten Ohren bei schmutzigen Gesprächsthemen. Zu
Fêten wurde ich auch eingeladen. Ja, ich halte sogar den Essener Rekord im
Schnellbetrinken: 30 Minuten vom Eintreffen auf einer Party bis zum Umarmen der Toilette.
Selbstverständlich hatte ich mich zuvor auch über diese Computerfreaks
lustig gemacht. Und selbstverständlich fand ich auch genug Ausreden, warum gerade ich
kein Idiot war, obwohl ich mir einen Computer gekauft hatte. Die Wahrheit
aber ist: Natürlich war (und bin) auch in ein Idiot, wie jeder andere
Computerbesitzer auch. Ich meine, wie kommt man eigentlich darauf, etliche Stunden damit
zu verbringen, kleine von oben herabfallende Klötzchen passend ineinander zu
positionieren, damit die Klötzchen wieder vom Bildschirm verschwinden? Frauen mit
dicken Titten und Uzis in der Hand durch Höhlen zu steuern? Texte zu schreiben, nur
damit eine Handvoll andere Computerbesitzer sie im Internet lesen? Tausende von Einheiten
der jeweils gültigen Währung dafür auszugeben, um Aufgaben zu verrichten,
die man zum größten Teil auch mit einer Schreibmaschine, einem Taschenrechner
oder gar mit einem Block und einem Bleistift erledigen könnte?
Nicht zu vergessen: In hübsch regelmäßigen Abständen muss die
Hardware aufgerüstet werden, damit der Rechner schneller wird. Man kann ja nicht
ständig 7.5 sec darauf warten, dass der Computer mit irgendeiner Aufgabe fertig wird,
4.2 sec wären doch viel angenehmer. Denn was das Warten auf den Rechenknecht angeht,
sind Anwender so ungeduldig wie weiland der Kasper vor Seppls Tür:
(Wenn hier keine Sound-Kontrolle sicht- oder benutzbar ist, versuche den
Direktlink:)
»Nanu...«
(WAV-Datei, ca. 107 KByte)
Von diesen allgemeingültigen Eigenheiten abgesehen, wird jeder Computerbesitzer
schon durch die Wahl »seines« Betriebssystems als Idiot geoutet:
Windows-Anwender sind Idioten, weil sie das machen, was alle anderen auch machen; und
zwar weil es alle anderen auch machen; desweiteren weil sie dem
Anwender-feindlichen Monopolismus Türen und Tore geöffnet haben;
Mac-Anwender sind Idioten, weil sie immer noch von dem alten Vorurteil zehren, Macs
wären besonders anwenderfreundlich; und weil sie dabei über solche
Lächerlichkeiten wie Eintastenmäuse und schweinelahme serielle
Druckerschnittstellen hinwegsehen; weil sie Kai Krause verehren, anstatt ihn für
seine angeblich intuitiven (wir lachen alle mal kräftig), speicher- und
rechenzeitintensiven Benutzeroberflächen zu verprügeln;
Linux-Anwender sind Idioten, weil sie meinen, daß nur ein kompliziert zu
konfigurierender Computer ein guter Computer ist; und weil sie -- wenn es denn schon eine
grafische Benutzeroberfläche sein muß -- ausgerechnet die Windows-Optik
kopieren;
OS/2-Anwender sind Idioten, weil sie immer noch nicht geschnallt haben, daß IBM
seit dem Ende des Mainframe-Zeitalters praktisch eine bedeutungs-, innovations- und
planlose Firma geworden sind;
BeOS-Anwender sind Idioten, weil sie sich einem System anvertraut haben, das von
vorneherein zum Scheitern verurteilt war;
Amiga-Anwender sind Idioten, weil nach ihrer früheren Definition die
Qualität eines Computers in seinen Grafik- und Soundeigenschaften bemessen wird (was
sie heutzutage angesichts aktueller PC-Hardware in eine schwere Identitätskrise
stürzen lassen dürfte); weil sie früher der Meinung waren, »in Farbe
und bunt aber flimmernd« ist besser als monochrom, 70 Hz non-interlaced;
desweiteren weil ein vernünftiger Computer niemals im
lächerlichen »Stephanie Tücking gibt ihren Namen für bunt bemalte
Computer«-Design erschienen wäre;
Atari-Anwender sind Idioten, weil sie »ihrem« System die Treue gehalten
haben, obwohl sie die Mutterfirma mit Unverschämtheiten geradezu malträtiert hat
(siehe Die Tramiel-Theorie); und weil sie nicht aufhören, die Anwender anderer
Computersysteme mit den Vorzügen eines Atari (-kompatiblen) -Systems auf die Nerven
zu fallen.
Wir sehen: Es gibt kein wirklich, wirklich richtig gutes
Computersystem. Trotzdem verbringen wir Computerbesitzer einen wesentlichen Teil unserer
Freizeit mit dem Ding. Und ist das nicht super-bescheuert? Ich denke schon.
Noch schlimmer ist allerdings, daß ich trotz all dieser Erkenntnisse vor dem
Computer sitzen bleiben werde (okay, zwischendurch werd' ich auch mal aufstehen). Und das
ist nun wirklich völlig idiotisch.
Aber was soll ich tun? Ich bin nun mal ein Computerfreak: Ich kann nichts dafür
-- ich bin nun mal ein Idiot.