oder: »Jetzt müssen wir halt 'ran.«
-- Wie tapfere Programmierer Unzulänglichkeiten
von Atari-Systemen ausbügelten.
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Man kann vieles Schönreden: »Okay, die Dusche hat zwar keinen
Warmwasseranschluss, aber diese Wohnung ist schließlich nichts für
Weicheier.«
(Beispiel geklaut aus »Mac Magazin & MacEasy«,
Ausgabe 1/2000.)
Was sagten die PC-User früher zu den Ataris und Amigas, die dem PC in Grafik- und
Soundeigenschaften haushoch überlegen waren? -- »Das sind ja auch keine
professionellen Rechner, sondern Spielecomputer!« ... Komisch nur, dass es heutzutage
gerade für PCs die meisten Spiele gibt.
Was sagten sie, als sie ihre Computer per Kommandozeile steuerten? -- »Eine
grafische Benutzeroberfläche kostet nur Rechenzeit und ist was für Idioten, die
sich keine DOS-Befehle merken können!« ... Komisch nur, dass man nirgendwo so
detaillierte Anweisungen für die simpelsten Arbeiten findet wie in PC-Magazinen.
In Playstation-Zeitschriften (die hauptsächlich von irgendwelchen Kiddies gelesen
werden) steht: »Für die Tomb Raider-Cheats gebt Ihr im Optionen-Menü XYZ
ein.« Fertig.
In der Computer-Bild wird in Einzelschritten beschrieben, wie man den Rechner
einschaltet, die Tomb Raider-CD einlegt, das Spiel startet, ins Optionen-Menü
gelangt, wie man auf dem Schreibtisch die Tastatur ausfindig macht, wo man dort die
Buchstaben X, Y und Z findet und wie man sie eintippt.
(Außerdem gibt es am Seitenrand noch eine Box, die erklärt, was ein
Optionen-Menü ist, inkl. Hinweis »sprich: Oppzjonen« -- oder
»Opptschenns«, wenn es um die englische Aussprache geht.)
Jetzt frage ich Euch: Wer hat hier eigentlich den Spielecomputer? Wer ist hier der
Idiot und kann sich die einfachsten Vorgänge nicht merken?
Aber kommen wir zum Schönreden zurück -- oder besser, kommen wir
nicht dazu zurück. Denn ich will in diesem Kapitel nichts schönreden,
auch wenn ich nun ganz waghalsig behaupte: Dass Atari ihre Systemsoftware mit vielen
Unzulänglichkeiten ausgestattet haben, war letztendlich gut für die
Anwender -- naja, zumindest für die Anwender, die es trotz diverser
Unzulänglichkeiten lange genug in der Atari-Welt ausgehalten haben, um die
Früchte ihrer Geduld zu ernten.
Was ich damit meine, möchte ich an drei Beispielen erläutern.
Beispiel Nr. 1: Der Desktop
Als 1985 die ersten Atari STs auf dem Markt kamen, bekamen sie den Spitznamen
»Jackintosh« verpasst -- weil die Computer des Atari-Chefs Jack Tramiel dem
Apple Macintosh so ähnlich waren: Genau wie dieser verfügten sie über eine
Motorola 68000-CPU und, noch wichtiger, eine grafische Benutzeroberfläche mit einem
Desktop, von dem aus man Programme startete, Dateien kopierte usw.
Naja -- so vieles und so weiter gab es gar nicht, denn damit war die
Funktionalität des Atari-Desktops schon so gut wie erschöpft. Neidisch schauten
die Atarianer auf die mächtigeren Desktops anderer Systeme, bis sich zwei
Shareware-Programmierer hinsetzten und GEMINI erschufen, die Mutter aller alternativen
Atari-Desktops. GEMINI ersetzte in der alltäglichen Arbeit also den originalen
Atari-Desktop und verwöhnte den Anwender mit einem zuvor ungeahnten Komfort.
Damit war der Stein ins Rollen gekommen: »Was die können, können wir
schon lange«, dachten andere Programmierer; vielleicht auch: »GEMINI ist schon
ganz gut, aber diese und jene Funktion fehlt eigentlich noch...«
Also folgten im Laufe der Jahre weitere Desktops. Sie hießen Neodesk, Ease,
noDesk, Teradesk, Thing und jinnee -- habe ich einen vergessen?
Und gerade der letztgenannte jinnee ist ein Desktop, der es in sich hat, wie
ich im letzten Kapitel schon erwähnt habe. Schade nur, dass Windows- oder Mac-User nie erfahren
werden, wie schön die Arbeit in einer einfachen Betriebssystemoberfläche sein
kann, die dazu noch weniger als ein MByte RAM und selbst bei umfangreicher Installation
(mit vielen Icons, Hintergrundbildern und einige Zusatzprogrammen) nur ca. 5 MByte auf der
Festplatte benötigt.
Ganz abgesehen vom Komfort, den jinnee bietet und der Leichtigkeit, mit der die
Arbeiten in jinnee von Hand gehen, halte ich es für einen Fehler, wenn beispielsweise
aktuelle Windows-Version immer mehr vom eigentlichen Inhalt der Festplatte und der
direkten Arbeit mit Dateien zugunsten von Verknüpfungen, automatisch platzierten
Icons und automatisch modifizierten Start-Menüs ablenken -- aber damit wären wir
in einer anderen Diskussion, die ich an dieser Stelle nicht weiterführen werde.
Jedenfalls haben auf dem Atari alternative Desktops eine weite Verbreitung gefunden,
was ohne die Unzulänglichkeiten des Originals wohl nicht geschehen wäre. Das hat
letztendlich zu einer Perle wie jinnee geführt.
Auf dem PC haben sich selbst zu unseeligen Windows 3.1-Zeiten mit Programm- und
Datei-Manager (der misslungensten Versuch einer grafischen Benutzeroberfläche, den
ich je gesehen habe) keine vernünftigen Alternativen durchsetzen können.
Auf dem Mac gibt es Programme wie Greg's Browser, die zwar gewisse Vorteile haben,
aber auch nicht gerade flächendeckend -- und schon gar nicht als Ersatz für den
Finder -- vertreten sind.
Da hat's der Atarianer deutlich besser, auch wenn mir das die Nicht-Atarianer nicht
glauben werden.
Ganz nebenbei: In einer dunklen Nacht hat wohl auch Steve Jobs, der Apple-Boss,
klammheimlich an einem Atari-(kompatiblen) Computer mit MagiC, jinnee, Freedom/BoxKite
usw. gesessen und den Komfort dieses Systems bewundert. Wie sonst lässt es sich
erklären, dass etliche nützliche Features, die der Atarianer schon lange kennt,
zukünftig in MacOS X zu finden sein werden? Mit dem Unterschied, dass Atarianer
keinen Bonbonlook und rechenzeitfressende Animationen brauchen, um die Qualität einer
Benutzeroberfläche erkennen zu können...
Beispiel Nr. 2: Die Dateiauswahl
Die Dateiauswahl -- also der Dialog, den man auf dem Bildschirm bekommt, wenn man in
einem Programm die Menüpunkte Öffnen oder Sichern unter
wählt -- ist der wohl meistbenutzte Dialog eines Betriebssystems.
Bei der Dateiauswahl verhielt es sich ganz ähnlich wie bei dem Desktop: Da das
Atari-Original ziemlich unkomfortabel war, entwickelten sich schnell Alternativen. Die
größten Unzulänglichkeiten lagen wohl darin, dass ein Wechsel des
aktuellen Laufwerks so umständlich war und dass es keine Möglichkeit gab, auf
andere als die vorgegebenen Extension (für Macianer: die den Dateityp festlegen) zu
wählen. Die verbesserte Version brachte auch nur erleichterten Zugriff auf die
Festplatten-Laufwerke.
Aber beim Erscheinen der zweiten Version war es schon passiert: Erstens brachte jedes
halbwegs vernünftige Programm eine eigene Dateiauswahl auf den Bildschirm. Aber
zweitens -- und das ist wichtiger -- erstellten schlaue Programmierer der PD-, Freeware-
und Shareware-Szene Dateiauswahlboxen, welche die »eingebaute« Variante
systemweit ersetzten. Fortan konnte man also in allen Programmen auf
komfortablere Weise Dateien zum Öffnen oder Sichern auswählen.
Auch wenn das nicht gerade sensationell klingt: Wenn man bedenkt, wie oft man im Laufe
eines Computer-Arbeitstages irgendwelche Dateien öffnet oder sichert, sollte einem
klar werden, wie nützlich eine Verbesserung des entsprechenden Interfaces sein kann.
Ich schreibe ganz bewusst, dass es klar werden sollte, denn auf anderen
Plattformen hat sich diese Erkenntnis nicht so ganz durchgesetzt: Was die Dateiauswahl von
MacOS 9 kann, konnten Atari-Selektoren schon vor Jahren. Für den Mac ist mir auch
erst eine Alternative untergekommen (ääääh,
»ActionFiles« oder so?), und die ist erst Jahre nach den erweiterten
Atari-Pendants auf den Markt gekommen. Das heißt natürlich nicht, dass es
für Windows oder Mac nicht vielleicht doch noch gute Programme dieser Art gibt. Aber
wenn ich mir so die Rechner anderer Leute anschaue, hat die offensichtlich kaum jemand
installiert.
Es gab etliche Dateiauswahl-Alternativen für Atari. Ich weiß nicht
einmal mehr, wie die erste, die ich installiert hatte, hieß (die war auf jedem Fall
dem Fileselector des einstmals berühmten Texteditors Tempus nachempfunden,
vielleicht kann mit jemand auf die Sprünge hlefen?), aber von einigen davon habe ich
einen Screenshot zur genaueren Begutachtung bereitgestellt:
 | Selectric
GIF-Bild s/w, ca. 6.9 KByte, mit Kommentaren.
»Es kann nur einen geben...« -- zumindest damals war das
ein passender Spruch für dieses Programm.
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 | Freedom
1.15
GIF-Bild 16-Farben, ca. 14.7 KByte, mit Kommentaren.
Hat zwar kleinere Schwächen und wird nicht mehr
weiterentwickelt, aber IMO immer noch die beste Dateiwauswahl aller
Zeiten.
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 | Freedom2
Kein Bild, nur Kommentare.
...wie man es schafft, mir durch... hmmm...
merkwürdige Weiterentwicklung den Spaß zu
verderben.
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 | BoxKite
GIF-Bild 16-Farben, ca. 12.6 KByte, mit Kommentaren.
Nicht so umfangreich wie Freedom, aber auch schön und vor
allem wird's noch weiterentwickelt.
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... selbst wenn sich irgendein Nicht-Atarianer durch die ganzen Beschreibungen
durchgeklickt hat, glaubt er mir wahrscheinlich immer noch nicht, wie nützlich eine
erweiterte Dateiauswahl sein kann. Aber das ist Euer Problem.
Kommen wir nun zum nächsten Beispiel dafür, wie Programme von Fremdanbietern
die Unzulänglichkeiten der Atari-Systemsoftware behoben haben -- und dabei ungeahnte
Qualitäten entwickelten.
Beispiel Nr. 3: NVDI
Also, um zu erklären, was an NVDI so toll, so faszinierend Atari-typisch ist,
müsste ich schon etwas weiter ausholen. Und dazu habe ich im Moment keine Lust.
Aber eines Tages werdet ich das genau hier ausführlich erklären. Bis dahin
müsst Ihr euch mit der NVDI-Beschreibung in der Sektion Empfehlenswerte Programme begnügen.
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