oder: Was dabei herauskommt, wenn ich über Typografie nachdenke...
Manchmal fragt man sich: »Warum ist dieses oder jenes eigentlich genau SO und
nicht anders?« Diese Frage stelle ich mir auch in typographischer Hinsicht schon mal;
und was mir dann in den Sinn kommt, will ich Euch auch noch mitteilen. Denn wer
weiß? - vielleicht kann ich ja ein paar von Euch »überzeugen«,
daß man einiges anders machen kann, und dann stellt Ihr die gleichen Forderungen an
die Schriftenanbieter wie ich, und so tragen wir auf lange Sicht dazu bei, daß sich
etwas verändert, und wir gehen als typographische Weltverbesserer in die Geschichte
ein...
Es geht los:
Neben teuren Einzelschnitten gibt's ja immer wieder verbilligte Pakete, in der
verschiedene Schnitte einer Schrift enthalten sind; und in fast allen Fällen sind das
vier: Normal, kursiv, fett und fett-kursiv. Wieso eigentlich? Ich bin der Meinung,
daß man die fett-kursive Variante nur äußerst selten (genauer: fast nie)
gebrauchen kann. Viel schöner und nützlicher wäre statt dessen eine
Kapitälchen-Variante!
(Wie sinnvoll es ist, Kapitälchen zu verwenden, habe ich im letzten Kapitel wissenschaftlich
einduetig bewiesen.)
Also, Jungsche Typographie-Forderung Nr. 1: In Fontpaketen, die aus einer
Grundfamilie von vier Schnitten bestehen, soll statt des fett-kursiven Schnittes eine
Kapitälchen-Version enthalten sein.
Nächster Punkt: Mediävalziffern. Während die meisten Schriften
Versalziffern (auch Normal- oder Tabellenziffern genannt) enthalten, werden noch recht
wenige Fonts mit Mediävalziffern geliefert. Das ist schade, denn Mediävalziffern fügen sich
harmonischer ins Schriftbild ein, wenn sie im laufenden Text benutzt werden. Ich
weiß nicht, wie es Euch geht -- aber ich benutze Zahlen viel häufiger
im laufenden Text, als in tabellarischen Aufführungen! Andererseits lässt sich
nicht bestreiten, daß man auch Versalziffern gelegentlich mal gebrauchen kann.
Daraus folgt die Jungsche Typographie-Forderung Nr. 2: Normale Fonts sollen
mit Mediävalziffern ausgestattet werden. Die Versalziffern sind in den
Kapitälchen-Schnitten enthalten, die nach der Jungschen Typographie-Forderung Nr. 1
zur Grundfamilie gehören.
Die zweite Forderung habe ich, das muss ich zugeben, mir nicht selbst ausgedacht:
Diese Verfahrensweise ist bei vielen Schriften des FontShops schon üblich. Aber sie würde auch den Fonts
anderer Hersteller gut zu Gesicht stehen!
Drittens: Ligaturen. Die habe ich im Laufe dieser Website so oft erwähnt,
daß hier das bloße Fazit reicht.
Jungsche Typographie-Forderung Nr. 3: Fonts sind stets mit mindestens
fünf Ligaturen auszustatten (ff, fi, fl, ffi, ffl). Wenn für die jeweilige
Schrift sinnvoll, sollen weitere Ligaturen hinzugefügt werden.
Viertens: Kerning. Glücklicherweise sind die meisten Schriften, die man kaufen
kann, mit umfangreichen Kerninginformationen ausgestattet -- soweit sinnvoll (bei einer
unproportionalen Schrift wie der Courier macht das natürlich keinen Sinn).
Leider vergessen manche Hersteller, daß außerhalb des englischen Sprachraums
»gelegentlich« Zeichen benutzt werden, die auch ganz gut gekernt werden
könnten.
Hier mal wieder ein Beispiel:

Jeweils links: FF Scala, rechts Classical Garamond. In der oberen Zeile ist Kerning
an-, unten ausgeschaltet. Das beweist, daß die Scala auch
Kerninginformationen für die deutschen Umlaute enthält (auch für
Fremdsprachen, wie das à zeigt), die Classical Garamond nicht. Es erstaunt wohl
kaum, daß die Classical Garamond von einem amerikanischen Hersteller stammt
(Bitstream), die Scala hingegen von einem deutschen (Fontshop).
Jungsche Typographie-Forderung Nr. 4: Kerninginformationen sind für
alle sinnvollen Buchstabenpaare einzufügen, nicht nur für die, die in
der Muttersprache des Herstellers benutzt werden.
So, jetzt warte ich nur noch darauf, daß die Jungschen Typographie-Forderungen
in Zeitschriften wie PAGE oder PUBLISHING PRAXIS veröffentlicht und allgemein
anerkannt werden und ich das typographische Verdienstkreuz erhalte...
Puuuh, da habt Ihr was mitgemacht, was? Jetzt bin ich aber endlich am Ende meiner
typografischen Ausführungen angelangt. Wird Zeit, dass ich über ein anderes
Thema herummeckere: Webdesign -- hier dürfen sich jetzt alle hinklicken, die die Schnauze
voll haben von der Typografie.
Die anderen können noch weiter nach unten scrollen, um eine kleine
Bücherliste zu diesem Thema zu finden.
Literatur zum Thema Typografie
Manche mögen es vielleicht nicht glauben, aber neben dem Internet gibt es noch
ein anderes Medium, in dem man lesen und sich bilden kann: Sogenannte Bücher.
Und da ich mich auch hauptsächlich auf Typografie in Druckerzeugnissen (und nicht
auf Screen-Typo) bezogen habe, ist eine Bücherliste an dieser Stelle auch viel
logischer als ein paar Links.
Alle Bücher befinden sich bereits seit längerer Zeit in meinem Besitz.
Ich habe keine Ahnung, ob sie noch lieferbar sind, ob es neuere Auflagen gibt, und ob
Preis und ISBN noch stimmen!
- Gulbins, Jürgen/Kahrmann, Christine: »Mut zur Typografie. Ein Kurs für
DTP und Textverarbeitung". Springer Verlag, Edition PAGE 1993. ISBN: 3-540-55708-3.
Preis: 58 DM
- Wie der Untertitel verrät, wird hier speziell auf die Typografie am am Computer
eingegangen. Ein gut verständliches Buch, dass alle Grundlagen behandelt, auch wenn
es nicht immer auf dem aktuellen Stand ist, was Computertechnik angeht.
- Sauthoff, Daniel: »Schriften erkennen: eine Typologie der Satzschriften für
Studenten, Grafiker, Setzer, Kunsterzieher und alle PC-User«. Neuausgabe 1996. Verlag
Hermann Schmidt Mainz. ISBN 3-87439-373-9. Preis: 24,80 DM
- Wer erlenen will, wie man Schriften unterscheidet und gleichzeitig die
berühmtesten Fonts kennenlernen will, findet hier den richtigen Einstieg.
- Spiekermann, Erik: »Ursache & Wirkung. Ein typografischer Roman.«
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 1994: Nachdruck der Originalausgabe von 1986. ISBN:
3-87439-307-0. Preis: 38 DM.
- Nicht ohne Einschränkung für Anfänger geeignet, Fortgeschrittene aber
können sich beweisen lassen, dass man auch amüsant und unterhaltsam über
das Thema schreiben kann. Allein die vier Schutzumschläge zum Drehen und Wenden, in
böser Absicht unglaublich hässlich gestaltet, sind das Geld wert. Das Buch
spricht noch von den »alten« Satzmethoden, lediglich im Nachwort zur Neuausgabe
wird auf DTP eingegangen. Das ist aber nicht weiter schlimm, da sich die Regeln zur guten
Typografie ja nicht verändert haben.
- Tschichold, Jan: »Erfreuliche Drucksachen durch gute Typografie: Eine Fibel
für jedermann.« Maro Verlag Augsburg, 1988: Unverändeter Nachdruck der
Originalausgabe im Otto Maier Verlag, Ravensburg 1960. ISBN 3-87512-403-0. (Der Preis ist
mir leider entfallen, vielleicht um die 30 DM oder so?)
- Dieses Werk stammt aus der Spätphase Tschicholds, in der er ein gestrenger
Vertreter der klassischen Typografie war. Man muss seine Regeln also nicht unbedingt in
allen Fällen einfach so hinnehmen (meine Meinung). Trotzdem ein Buch, das keinem
ernsthaften Layouter fehlen sollte.
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