Im Geschichtsunterricht hat man uns beigebracht: Das Römische Reich ist an seiner
eigenen Dekadenz zugrunde gegangen.
Wenn das der Wahrheit entspricht, so muss ich die Befürchtung äußern,
dass unsere heutige Zivilisation kurz vor dem Untergang steht. Denn wie dekadent die alten
Römer auch gewesen sein mögen; bei uns gibt es eine Erfindung, die an
Dekadenz nicht zu schlagen ist: Rolltreppen!
Rolltreppen überwinden normalerweise einen Höhenunterschied, den man auch in
max. ca. 30 Stufen traditioneller Bauart (sprich: eine Treppe, die man gehen muss,
mit den Füßen sozusagen) überwinden könnte. Wollen wir diese
30 Stufen hoch oder runter gehen? -- Nein, lieber betreten wir eine Rolltreppe, die uns in
der rasenden Geschwindigkeit von ca. 0.25 km/h hoch- oder runterbefördert.
Dass man die gleiche Strecke mit einer Treppe traditioneller Bauart in einem Bruchteil
der Zeit bewältigen könnte -- das ist völlig egal; Hauptsache, man muss
sich nicht allzuviel bewegen.
Vor allem aber tritt auf Rolltreppen ein Phänomen in Erscheinung, dem ich in
Kürze ein eigenes Kapitel auf dieser Site widmen werde: Das Phänomen der
Professionellen Im-Weg-Steher (kurz: PIWS).
PIWS begegnet man überall im Alltag, vor allem aber im Supermarkt -- und am
zweithäufigsten auf der Rolltreppe.
Ihr wisst nicht, was PIWS sind? Nun, stellt euch folgende Situation vor: Ihr habt es
eilig, und die U-Bahn, die euch zum angestrebten Ziel bringt, steht schon am Bahnsteig
bereit oder wird in den nächsten Sekunden einfahren. Natürlich führt keine
Treppe traditioneller Bauart zum U-Bahnsteig, sondern nur eine Rolltreppe.
Man würde die Rolltreppe gerne hinuntereilen -- aber leider befinden sich dort
etliche PIWS: Sie stehen auf der Rolltreppe nebeneinader, sind fett und
behäbig und erfreuen sich gerade der Dekadenz, 30 Stufen nicht zu Fuß
runterlaufen zu müssen. Man muss sich an ihnen vorbeiquetschen, was etliche Sekunden
kostet und mit mürrischen Lauten seitens der PIWS quittiert wird -- wie kann man es
auch wagen, sich auf der Rolltreppe vorzudrängeln?
Manchmal aber kommt man gar nicht an ihnen vorbei -- man steht also hinter
ihnen, während sich die Rolltreppe mit einer Geschwindigkeit, die gen Minus Unendlich
strebt, ihrem Ziel entgegenbewegt. Nun gut, man wird die U-Bahn verpassen... aber
dafür muss man die Füße nicht übermäßig bewegen, das ist
ja schon mal was. Mit etwas Glück findet man auf dem Bahnsteig einen freien
Sitzplatz, wo man in geistloser Langeweile der nächsten Bahn harren kann.
Also wirklich -- wenn das nicht dekadent ist, dann weiß ich nicht,
was dekadent ist. Und wenn ich erst rausgefunden habe, wer das heutige
Äquivalent der Barbaren ist, die seinerzeit das Römische Reich niedergeworfen
haben, werde ich auch gerne verkünden, wer für den Untergang der westlichen
Zivilisation verantwortlich sein wird...
Aber vielleicht können wir dem Untergang doch noch entgehen: Vielleicht sind
Rolltreppen in Zukunft ja computergesteuert; und mit etwas Glück übernimmt ein
Windows-Rechner die Steuerung -- und schon werden die Rolltreppen ständig aus
unerfindlichen Gründen stehenbleiben, und wir sind gezwungen, doch noch unsere
Füße zu benutzen.
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