... oder: Nachruf auf einen guten Freund
»Ein toller Videorecorder«, verspricht die Werbung und der
Verkäufer des Elektronikmarktes, »Echt gut! Hat On-Screen-Display (OSD) und
eine übersichtliche Fernbedienung, deshalb total einfach zu programmieren.«
Und sowas halten die Anbieter dann für gute Argumente, die den Kunden zum Kauf
verführen sollen.
Zu mir könnten sie genauso gut sagen: »Wenn Sie diesen Videorecorder kaufen,
bekommen sie ein Tütchen gekochte Scheisse gratis dazu!« -- »Oh toll, den
nehm' ich!«
Jetzt ernsthaft: Ich hasse OSD! Ich verfluche den Tag, als mein guter alter
Philips VR647 das Zeitliche segnete. Der hatte nämlich kein OSD, wodurch man
ihn wunderbar einfach und schnell(!) programmieren konnte.
Vermutlich stimmt es sogar: Mit OSD kann jeder Idiot einen Videorecorder
programmieren. Aber erstens bin ich kein Idiot. Und zweitens käme sogar jeder Idiot,
der sich nur einmal die (gut geschriebene) Bedienungsanleitung des VR647 durchgelesen
hätte, auch ohne OSD klar.
(Nun gut, vielleicht bedeutet das ja, dass ich doch ein Idiot bin, aber
wenigstens ein Idiot, der Bedienungsanleitungen liest.)
So, jetzt will ich aber auch endlich verraten, was mir an OSD so missfällt:
Für jede blöde Aktion -- sei es nun programmieren oder das Umschalten zwischen
LongPlay und ShortPlay, das Einstellen des Soundkanals bei Filmen mit Zweikanalton oder
sonst irgendetwas -- muss man das OSD aufrufen und sich durch siebenundvierzig
verschiedene Menüs hangeln, bis man endlich die gewünschte Aktion vornehmen
kann. Das nennt sich dann einfach.
Beim Philips VR647 habe ich das auf Knopfdruck erledigt. Ohne das Aufrufen eines
Menüs. Alles ließ sich mit der Fernbedienung und dem eingebauten Display des
Videorecorders regeln.
Der Wert einer solchen Einrichtung macht sich u.a. bemerkbar, wenn man eine Familie
hat: Programmiert doch mal einen Recorder mit OSD, während der Vater die Tagesschau
oder die Mutter Derrick guckt, wenn die kleine Schwester sich am neuen CITA-Video erfreut
oder der Ehemann beim Finale der Champions League oder die Ehefrau bei Emergency Room
mitfiebert; oder am allerschlimmsten: Wenn die Kinder die umwerfenden Erlebnisse der
Teletubbies verfolgen.
Dann kommt Ihr hereingestürmt, weil in wenigen Minuten eine der wenigen wirklich
wichtigen Sendungen der Welt beginnt, und unterbrecht den Fernsehgenuss damit, dass Ihr
das dämliche On-Screen-Display aufruft. Was dann schon programmiert ist, ist nicht
die Aufnahme, sondern der herrlichste Familienkrach.
Doch selbst Singles oder jene Zeitgenossen, deren schönstes Erlebnis am Tag
sowieso das Martern der Familie ist, müssen nicht unbedingt Freude am OSD finden: In
meinen Augen ist es schon vorteilhaft genug, dass man für ein schnelles Programmieren
nicht einmal den Fernseher einschalten muss.
Mit dem OSD einher geht das nächste Übel unserer technisierten Zivilisation:
»Übersichtliche« Fernbedienungen. Die Stiftung Warentest findet so einen
Schrott auch noch lobenswert (zB. in test 11/99). Klar, dass ich nur fünf
Tasten brauche, wenn ich für jeden Piss das OSD aufrufen muss. Aber dann muss ich --
siehe oben -- eben etliche Menüs durcharbeiten, anstatt mal eben eine einzige Taste
zu drücken.
Jetzt sagt vielleicht der Eine oder Andere: »Jaaa, wenn der VR647 'ne
verständliche Anleitung hatte, ist das ja schön. Aber das haben viele
Geräte nun einmal nicht, und da bin ich froh über ein leicht verständliches
OSD.«
Dieses Argument lasse ich nicht gelten. Da hätten sich die Hersteller eben mal
auf ihren Arsch setzen und vernünftige Anleitungen schreiben müssen, aber sich
nicht so'n Mist wie OSD ausdenken. Kohle genug verdienen sie ja durch uns.
Und noch einmal meldet sich die Stimme des Lesers: »Ja, wenn Du was gegen OSD
hast, dann kauf Dir verdammtnochmal eben einen Videorecorder ohne OSD und mit
einer Monsterfernbedienung!«
Ja, was glaubt Ihr, was ich gerne tun würde???
Das Problem ist: Findet mal einen solchen! Als der VR647 platt war, habe ich einen
gesucht. Ich wurde nur bei S-VHS-Recordern der 800 - 1000-DM-Klasse fündig, und
soviel Geld hatte ich nun mal nicht (armer Student und so). Und wenn ich mal genug Geld
habe, und mir einen derartigen Videorecorder zulegen will: Ich bin sicher, dann sind alle
Recorder der Welt nur noch mit OSD zu bedienen.
Obwohl -- wahrscheinlich stimmt das nicht. Bis dahin ist bestimmt die nächste
Stufe der idiotischen Produktentwicklung gezündet: Videorecorder haben dann einen
USB-Anschluss und müssen per Computer programmiert werden. Die zugehörige
Software läuft natürlich nur unter Windows; und Hersteller sowie Verkäufer
können dann davon schwärmen, wie einfach das zu bedienen ist: Einfach das
aktuelle Programm aus dem Internet runterladen (der Gebührenzähler tickt), die
gewünschte Sendung anklicken, und fertig! Das Ganze muss man auch nur dreimal
wiederholen, weil der Browser abgeschmiert ist.
Ich freue mich auf die Zukunft!
P.S.: Der Philips VR647 war, obwohl 1995 gekauft, sogar Jahr-2000-geeignet.
Für Windows 98 lagen noch 1999 Y2K-Bugfixes zum Download bereit.
Bill Gates ist reicher als der Philips-Boss.
Vielleicht sollte man doch mal versuchen, diversen Produkten ein Tütchen gekochte
Scheisse beizulegen? Scheint erfolgversprechend zu sein.
P.P.S.: Rechts seht Ihr die Fernbedienung des Philips VR647. Vierundvierzig
Knöpfe, teilweise doppelt belegt. Eine eigenes kleines Display.
Liebe Leute von der Stiftung Warentest: So sieht eine vernünftige
Fernbedienung aus.
P.P.S.: Ich arbeite nicht bei oder für Philips. Ich bekomme kein Geld von ihnen.
Ich bin auch nicht auf Philips-Produkte fixiert.
Aber der VR647 war ein verdammt gutes Teil.
Requiestat in pace!
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