Ich gebe es zu: Ich bin ein Typochonder.
Äh, wie bitte?
Also, ein Typochonder ist ein geradezu krankhafter Freund der guten Typografie. Nun
wäre es zwar eigentlich wünscheswert, dass noch mehr Menschen auf gute
Typografie achten. Aber man kann es auch übertreiben. Und das tue ich.
Ich kann kein Buch in die Hand nehmen und es in Ruhe lesen, ohne dass ich zuvor die
Typografie analysiert habe: Welche Schrift(en) wird/werden verwendet? Werden Ligaturen
benutzt? Wird sauber gekernt? Stehen Schriftgröße, Zeilenlänge und
Zeilenabstand in einem harmonisches Verhältnis zueinander? Sind die Seitenränder
in Ordnung?
Noch mehr Freude macht das aber bei den Druck-Erzeugnissen anderer Computeranwender.
Die meisten haben ja überhaupt keine Ahnung von guter Typografie. So eine
computer-erstellte Einladung oder Glückwunschkarte ist eine Fundgrube schwerster
typografischer und gestalterischer Verfehlungen: Da werden ein paar schäbige
Clip-Arts völlig planlos auf die Seite geworfen. Mindestens sieben verschiedene
Schriftarten, zwei davon sind natürlich Times und Arial, drei weitere in Extra Bold Italic
gesetzt. Und die Überschrift tanzt natürlich auf einem wellenförmigen Pfad
herum.
Kurz: Sämtliche Regeln der guten typografischen Geschmacks werden mit den
Füßen getreten. Der »Layouter« hat sie zerfetzt, verbrannt und auf
ihrem Grab getanzt. Ein Kulturbanause forderster Front.
Jetzt fragt Ihr Euch wahrscheinlich, was ich eigentlich für ein Arschloch bin. Da
will mir einer eine Freude machen, indem er mir eine selbstverbrochene
Glückwunschkarte überreicht, und ich stelle ihn als einen typografischen
Terroristen dar.
Kann sein. Aber ich sage Euch: Als Typochonder hat man es auch nicht einfach. Hat man
zuvor simple Briefe einfach runtergetippt und ausgedruckt, so kann die Fertigstellung
eines derartigen Dokumentes schon mal länger dauern: Hat man auch wirklich eine gute
Schrift gewählt? Stehen die Seitenränder auch in harmonischen Verhältnissen
zueinander? Hoppla, da unten findet sich ja noch eine ganz grausame Trennung, die
müssen wir erstmal eliminieren; aber dadurch ändert sich der ganze Zeilenumbruch
und eine neue Seite wird angehängt...
Ganz zu schweigen davon, dass man -- wie oben bereits gesagt -- kein einziges
Buch/Magazin mehr in Ruhe lesen kann, bis man herausgefunden hat, welche Schrift(en)
verwendet werden. Und dann erfreut man seine Mitmenschen mit so informativen Aussagen wie:
»Die haben die Bembo als Brotschrift, mit Zwischenüberschriften in der Bell
Gothic und Artikelüberschriften in der Syntax; allerdings arbeiten die weder mit
Kerning, noch mit Ligaturen...« Beliebt ist auch, wenn man im Auto auf dem
Beifahrersitz sitzt und den Fahrer mit einen plötzlichen Aufschrei erschreckt:
»DA!!! Auf dem Plakat! Das ist die Meta, eine meiner
Lieblingsschriften!«
Man macht sich ziemlich unbeliebt. Wer will schon das ganze typografische Geschwafel,
das Gemeckere über irgendwelche Druckerzeugnisse hören? Das kümmert den
Typochonder nicht, er macht fröhlich weiter. Einige ganz durchgeknallte Vertreter
dieser Gattung gehen sogar soweit, dass sie ihre typografischen Ansichten und Tipps ins
Internet setzen.
Pech gehabt: Genau das werdet Ihr hier lesen.
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