Okay, ich habe einige typografische Fachbegriffe benutzt, so dass ich es für
besser halte, sie jetzt zu erklären.
Los geht's mit dem Typografischen Lexikon:
- Expert-Zeichen
- Bei Expert-Zeichen handelt es sich um Sonderzeichen, die nicht zum normalen
Zeichenvorrat eines Fonts gehören. Sie liegen in einer eigenen Fontdatei vor und
enthalten meistens zusätzliche Ligaturen, Bruch- und hochgestellte Ziffern usw.
Leider sind Expert-Fonts bei billigeren Einsteigerpaketen sehr selten enthalten. Man
erkennt sie -- wer hätte das gedacht -- am Zusatz »Expert« nach dem
Fontnamen.
- Hints
- Die grobe Auflösung des Bildschirmrasters kann auch den schönsten Font
entstellen, weil die (mathematisch beschriebenen) Umrisse der einzelnen Zeichen nicht
genau genug umgesetzt werden können. Der Hersteller des Fonts kann dem
entgegenwirken, indem er dem Font sog. Hinting Informationen (oder eben
Hints) hinzufügt. Diese Informationen »sagen« dem Font, wie er in
der niedrigen Auflösung des Monitors auf das Raster abgebildet wird.
Da das Anlegen von Hints eine zeitaufwendige Angelegenheit ist, verzichten viele
Hersteller darauf -- und der Font sieht auf dem Monitor ziemlich dämlich aus.
Links ein schlecht gehinteter, rechts ein gut gehinteter Font: Seht Ihr, wie
eckig und fleckig das linke a wirkt -- und das, obwohl der Font eigentlich sehr schön
ist, wenn man ihn ausdruckt.
- Kapitälchen
- auch: small caps
»Kleine Großbuchstaben«, die anstelle von Kleinbuchstaben verwendet
werden. Man unterscheidet zwischen echten und falschen Kapitälchen.
- Kerning
- (hier: Pairkerning)
deutsch: Unterschneiden. Bestimmte Buchstabenpaare (typisch sind z.B. Te, To, Va,
Wa...) müssen näher zusammenrücken, damit die Buchstabenabstände
innerhalb eines Wortes optisch gleich groß wirken. Die Informationen darüber,
welche Buchstabenpaare wie weit zusammenrücken, müssen in der Fontdatei (bei
TrueType & Speedo-Fonts) oder in einer zugehörigen Font-Metric-Datei (Type-1)
enthalten sein.
Ausnahmen:
1. Der Hersteller hat sich nicht einmal die nötigste Arbeit machen wollen, hat
auf die Kerninginformationen verzichtet und sich dadurch als stil- und kulturloser Banause
geoutet.
2. Man arbeitet mit Adobe Indesign -- dieses Programm berechnet wahlweise auch
»optische« Buchstabenabstände. Ich habe leider keine Ahnung von der
Qualität der Ergebnisse.
3. Man arbeitet mit Calamus und den dazugehörigen CFN-Fonts. Dieses Fontformat
ist intelligenter als TrueType oder Type-1 und sorgt von ganz alleine für
vernünftige Buchstabenabstände. Ganz nebenbei: Das klappte schon mehr als zehn
Jahre vor Indesign. Ätsch.
Für ein gleichmäßiges Schriftbild ist ein vernünftiges Kerning
unerläßlich, weshalb alle Programme, die Kerninginformationen missachten, auf
dem Scheiterhaufen der Typografie verbrannt werden sollten.
Oben ist Kerning ein-, unten ausgeschaltet. Das untere Beispiel sieht einfach
gräßlich aus, nicht wahr?
Kurzanmerkung für Atarianer: Die (mangelhafte) Unterstützung von Kerning in
diversen Fontformaten war einer der Hauptgründe, warum ich vor einigen Jahren meine
altgediente Textverarbeitung That's Write verließ und zu papyrus
gewechselt habe.
- Track-Kerning
- Neben dem Pair-Kerning gibt es noch das Track-Kerning. Dabei handelt es sich um
Informationen über die Grundlaufweite eines Fonts: Idealerweise sollten die
Buchtabenabstände einer Schrift in kleineren Graden (also z.B. 8 Punkt)
größer sein, während sie in in größeren Graden (also z.B. 20
Punkt) enger beieinander stehen sollten. Das Track-Kerning sorgt dafür, dass das auch
so gemacht wird.
Track-Kerning-Informationen habe ich bisher nur in Bitstream-Fonts finden können.
Mir ist nicht bekannt, warum andere Hersteller darauf verzichten.
Eine Frage an Euch
- Ligatur
- Zwei Buchstaben, die zu einem Zeichen »verschmolzen« sind. Daraus
resultiert eine schönere, weil gleichmäßigere Darstellung. Typische
Buchstabenpaare für Ligaturen sind z.B. fi, fl, ff.
Hier sehen wir einge Ligaturen (oben) im Vergleich mit den jeweiligen Buchstabenpaaren
(unten).
- Mediävalziffern
- Im Gegensatz zu den Tabellen-, Versal- oder Normalziffern, mit denen die meisten
Fonts ausgestattet sind, haben Mediävalziffern Ober- und Unterlängen sowie
unterschiedliche Breiten.
Ein Vergleich von Mediäval- vs. Normalziffern. Der Unterschied dürfte klar
sein.
- Schnitt (Einzelschnitt, Schriftschnitt)
- Weil Gerd Castan das in seinem Text More Joy of GDOS so
schön erklärt hat, zitiere ich ihn hier einfach mal (leicht abgewandelt):
»Was ist der Unterschied zwischen einem Font und einem Schnitt (englisch:
face)? Ruft man einen Fontselektor auf, sieht man beispielsweise Times Roman, Times
Italic, Times Bold, Times Bold Italic. In diesem Fall haben wir 4 Schnitte, die zusammen
einen Font bilden.«
- Font-Format und -Darstellung
- Zur Erklärung dieser beiden Begriffe zitiere ich noch einmal aus Gerd Castans More Joy of GDOS
geklaut habe (Änderungen von mir sind durch [eckige Klammern] gekennzeichnet):
Der Begriff »Format« wird im Zusammenhang mit Fonts doppelt verwendet, was doch
etwas zu Konfusionen führt.
Einerseits unterscheidet man beispielsweise das TrueType-Format vom Type1-Format (und
anderen). Gleichzeitig unterscheidet man bei beiden noch einmal zwischen dem
Macintosh-Format und dem Windows-Format (und anderen).
Um diese Verwirrung aufzulösen, definiere ich für [diese Website]:
- Um zwischen TrueType, Type 1, Speedo... zu unterscheiden, verwenden wir weiterhin den
Begriff Format
- Um zwischen den Dateiformaten zu unterscheiden, verwenden wir den Begriff Darstellung
(engl: Representation). Dieser Begriff wird in Mathematik und Physik verwendet, wenn
Gruppen zwar unterschiedlich aussehen, sich aber trotzdem samt Struktur bijektiv
aufeinander abbilden lassen
Dann lässt sich auch der etwas verwirrende Umstand [erklären], dass es das
TrueType 1.0-Format (für Macintoshs) und das TrueType für Windows-Format sowohl
in der Macintosh- als auch in der Windows-Darstellung gibt:
[a] Macintosh TrueType-Format in der Macintosh-Darstellung,
[b] Macintosh TrueType-Format in der Windows-Darstellung,
[c] TrueType für Windows-Format in der Macintosh-Darstellung,
[d] TrueType für Windows-Format in der Windows-Darstellung.
Soweit Gerd Castan. Innerhalb dieser Website spreche ich nur von den Typen [a] und
[d]; die Typen [b] und [c] sind mir noch nicht untergekommen -- und wenn doch, dann habe
ich es nicht gemerkt...
Und um es klarzustellen: Die Typen [a] und [c] lassen sich beide nur auf Macs
installieren; ihr Unterschied liegt im unterschiedlichen internen Aufbau. Gleiches gilt
entsprechend für Typ [b] und [d], die nur für DOS/Windows-Rechner gedacht sind
(und sich somit auch auf Ataris und Clones installieren lassen).
So, aber was ist denn nun ein »Fontformat«? Ein bißchen vereinfacht
ausgedrückt, ist das Format die »Sprache«, in der der Computer beschreibt,
wie eine Schrift auszusehen hat.
Unterschiedliche Formate kennt man auch von Textverarbeitungen oder Grafikprogrammen.
Ein Text, der einmal als MS-Word-Dokument und einmal als RTF gesichert wurde, liegt in
zwei Formaten vor. Trotzdem handelt es sich noch um den gleichen Text: Beide Versionen
sehen im Ausdruck gleich aus (zumindest sollten sie das).
Ein Bild, das einmal als GIF und einmal als BMP gesichert wurde, liegt in zwei
Formaten vor. Trotzdem handelt es sich noch um das gleiche Bild: Beide Versionen sehen
immer noch gleich aus (wenn man von den unterschiedlichen Möglichkeiten der beiden
Formate abstrahiert).
Genauso ist es bei Fonts: Ein Font, der sowohl im TrueType, als auch im Type1-Format
vorliegt, sieht in beiden Versionen gleich aus -- zumindest im Ausdruck und soweit es der
Privatanwender nachvollziehen kann. Zum Aussehen auf dem Monitor kommen wir noch, und
über die Unterschiede im professionellen High-End-Bereich brauchen wir nicht zu
reden.
(Es ist auch nicht auszuschließen, dass der Fontdesigner Mist gebaut hat und
sich TrueType- und Type1-Version ganz ofensichtlich unterscheiden, aber so ein Font ist
mir bisher noch nicht untergekommen.)
- Weibkohl
- Scherzwort, das auf den Abenteuern des Rastermans beruht: Der Buchstabe ß ist
ein Kleinbuchstabe, der in Versalwörtern (= Wörter, die komplett in
Großbuchstaben gesetzt sind) immer durch SS ersetzt werden muss.
Wenn man das nicht macht, schreibt man statt WEISSKOHL WEIßKOHL, was ein
bisschen wie »WEIBKOHL« aussieht.
Rasterman ist eine Comicfigur, deren Erlebnisse man früher in der Zeitschrift
invers, heute in der Publishing Praxis verfolgen kann.
Hier warte ich auf Eure Hilfe:
Warum werden so wenige Fonts mit Track-Kerning ausgestattet? In
der Fachliteratur habe ich nur den Hinweis gefunden, dass Track-Kerning »in der
Praxis kaum eine Rolle spielt«. Aber warum ist das so?
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